10 Fakten zur Talententwicklung
Was außerschulische Bildung beitragen kann
„Dafür hast du wirklich ein Talent.“ Über Begabungen wird oft gesprochen, als wären sie Superkräfte, die nur wenige haben und für alle anderen unerreichbar bleiben. Aber stimmt das? In der Wissenschaft ist man sich einig: Niemand wird als Genie geboren. Was Talent ausmacht und wie es gefördert werden kann, lest Ihr in den folgenden 10 Fakten aus der Bildungsforschung. Diese wurden von unserem Schwesterprojekt MesH_MINT recherchiert und aufgearbeitet, um Euch zu helfen, junge Talente noch besser zu unterstützen.
1. Talent entwickelt sich
Eine wichtige, grundlegende Erkenntnis: Talent ist nicht angeboren, sondern das Ergebnis von Lernprozessen. Verschiedene Faktoren können die Entwicklung von Begabungen fördern oder behindern (siehe Fakt 2).1
Tipp: Bietet den Kindern in Euren Kursen „freie Räume“ zum Forschen und Tüfteln an. Wer viel ausprobiert, entdeckt oft unerwartete Fähigkeiten und baut nebenbei noch Vertrauen in die eigenen MINT-Kompetenzen auf.
2. Das Umfeld macht den Unterschied
Ob sich ein Talent entfaltet, hängt vom Zusammenspiel zwischen individuellen Eigenschaften, Umfeld (z.B. Einfluss von Lehrkräften und Eltern) und soziokulturellem Kontext (z.B. sozioökonomischer Status, lokale Infrastruktur) ab.2 Um eine Begabung zu entwickeln, müssen also verschiedene Faktoren zusammenkommen. Neben persönlichen Eigenschaften und Neigungen braucht es unter anderem die richtigen Mitmenschen und passende Gelegenheiten.
3. MINT-Begeisterung sollte früh gefördert werden
Nach der Grundschule lässt das MINT-Interesse bei vielen Kindern in den weiterführenden Schulen nach. Talentförderung sollte deshalb möglichst früh in der Entwicklung ansetzen, um Motivation für MINT zu entwickeln und aufrechtzuerhalten.3
4. Nach stereotypen Vorstellungen wird Genie eher bei Jungen gesehen
Aufgrund des sogenannten Brilliance-Stereotypes (überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten werden eher Männern zugeschrieben)4, werden Jungen häufiger auf Hochbegabung getestet und folglich auch häufiger als begabt eingestuft. Dadurch sind sie beispielsweise auch öfter in Programmen für Hochbegabte zu finden.5, 6
5. Standardtests sind eine Methode zum Erkennen von Talenten
Standardisierte Tests liefern oft ein objektiveres Bild von den Potenzialen eines Kindes als die Einschätzungen von Lehrkräften oder Eltern.7 Trotzdem werden letztere nach wie vor am häufigsten zur Beurteilung von Talenten herangezogen.6 Da auch Tests Nachteile mit sich bringen (siehe Fakt 4), ist eine Kombination aus Leistungstests und Einschätzung durch Lehrkräfte ein sinnvoller Ansatz, um Begabungen zu erkennen.8
6. Zusatzangebote helfen, Potenziale voll zu entfalten
Besonders begabte Kinder profitieren von Gelegenheiten zur zusätzlichen Vertiefung des Schulstoffes. Solche Enrichment-Angebote bieten ihnen die Möglichkeit, bestehende Fähigkeiten weiter auszubauen.9 Weil individuelle Zusatzangebote im Schulalltag meist nicht möglich sind, bieten außerschulische Maßnahmen hier eine große Chance zur Förderung junger Talente.
7. Talent bleibt oft „unsichtbar“ – vor allem bei sozialer Benachteiligung
Soziale Hürden führen dazu, dass Talent oft nicht erkannt wird. Das erleben zum Beispiel Kinder aus benachteiligten Verhältnissen oder Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist.10
Tipp: Auch wenn es schwieriger ist: Versucht gezielt, Kinder mit Benachteiligungen anzusprechen, z. B. durch Angebote in Regionen mit niedrigerem sozioökonomischem Status oder durch Kooperationen mit lokalen Sportvereinen.
8. Lernbeeinträchtigungen können Talente „maskieren“
Wenn eine Begabung und eine Beeinträchtigung (z.B. ADHS) aufeinandertreffen, werden die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes durch klassische Leistungs-/IQ-Tests oft nicht erkannt. Man spricht von „Cognitive Masking“, da die Begabungen durch die Beeinträchtigung unerkannt bleiben.11
9. Möglichkeiten schaffen – Begabungen erkennen
In der Talententwicklung ist der klassische Weg, erst die Begabung zu identifizieren und dann Möglichkeiten zur Förderung anzubieten. Um aber möglichst diverse Talente zu erkennen, ist es sinnvoller, erst Lerngelegenheiten anzubieten und dadurch Begabungen zu identifizieren.12
10. Gelegenheit macht Talent
Jede Möglichkeit, etwas Neues zu lernen, fördert die Talententwicklung einer Person. Ob ein Gespräch, ein Waldspaziergang oder ein Volkshochschulkurs: Interaktionen mit der eigenen Umwelt tragen dazu bei, dass Fähigkeiten zu Stärken werden und ausgebaut werden können.2 Diese Sichtweise auf Begabungsförderung zeigt, dass jedes Kind Talente entfalten kann, wenn es die richtigen Gelegenheiten bekommt.
1Gagné, F. (2004). Transforming gifts into talents: The DMGT as a developmental theory. High Ability Studies, 15, 119–147.
2Barab, S. A., & Plucker, J. A. (2002). Smart people or smart contexts? Cognition, ability, and talent development in an age of situated approaches to knowing and learning. Educational psychologist, 37(3), 165-182.
3Stoeger, H., Debatin, T., Heilemann, M., Schirner, S., & Ziegler, A. (2023). Online mentoring for girls in secondary education to increase participation rates of women in STEM: A long‐term follow‐up study on later university major and career choices. Annals of the New York Academy of Sciences, 1523(1), 62–73. https://doi.org/10.1111/nyas.14989
4Bian, L., Leslie, S.-J., & Cimpian, A. (2017). Gender stereotypes about intellectual ability emerge early and influence children’s interests. Science, 355(6323), 389–391. https://doi.org/10.1126/science.aah6524
5Petersen, J. L. (2013). Gender differences in identification of gifted youth and in gifted program participation: A meta-analysis. Contemporary Educational Psychology, 38(4), 342–348. https://doi.org/10.1016/j.cedpsych.2013.07.002
6Card, D., & Giuliano, L.. (2016). Universal screening increases the representation of low-income and minority students in gifted education. Proceedings of the National Academy of Sciences, 113(48), 13678–13683. https://doi.org/10.1073/pnas.1605043113
7Wai, J., & Lovett, B. J. (2021). Improving gifted talent development can help solve multiple consequential real‑world problems. Journal of Intelligence, 9, 31. https://doi.org/10.3390/jintelligence9020031
8Acar, S., Şen, S., & Çayirdağ, N. (2016). Consistency of the performance and nonperformance methods in gifted identification. Gifted Child Quarterly, 60(2), 81–101. https://doi.org/10.1177/0016986216634438
9Tosun, A. S. (2022). Meta-analysis on the effect of enrichment programs on the academic achievement of gifted and talented students (Master’s thesis, Bilkent University). Bilkent Üniversitesi Institutional Repository. https://repository.bilkent.edu.tr/server/api/core/bitstreams/62e091de-fc7b-4ed7-a560-279cdf8e6f74/content
10Peters, S. J. (2021). The challenges of achieving equity within public school gifted and talented programs. Gifted Child Quarterly, 66(2), 82–94. https://doi.org/10.1177/00169862211002535
11Atmaca, F., & Baloğlu, M. (2022). The two sides of cognitive masking: A three-level Bayesian meta-analysis on twice-exceptionality. Gifted Child Quarterly, 66(4), 277–295. https://doi.org/10.1177/00169862221110875
12Olszewski-Kubilius, P., & Thomson, D. (2015). Talent development as a framework for gifted education. Gifted Child Today, 38(1), 49–59. https://doi.org/10.1177/1076217514556531
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