„Ich gehöre hierher!“
Wie außerschulische MINT-Angebote das Zugehörigkeitsgefühl von Mädchen stärken können
Der sogenannte Sense of Belonging – also das Erleben von Zugehörigkeit – ist ein entscheidender Faktor dafür, ob Mädchen sich nachhaltig für MINT entscheiden oder wieder Abstand nehmen. Dieser Beitrag zeigt, was die Forschung darüber sagt – und wie außerschulische MINT-Bildungsangebote gezielt dazu beitragen können, das Zugehörigkeitsgefühl von Mädchen zu stärken.
Warum ist Sense of Belonging wichtig?
Ein stark ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl gilt als zentraler Erfolgsfaktor in Bildung und Beruf. Wer sich zugehörig fühlt, ist motivierter, traut sich mehr zu und bleibt auch länger dabei.
Gerade im MINT-Bereich macht das einen spürbaren Unterschied: Studien zeigen, dass ein starkes Zugehörigkeitsgefühl das Interesse an MINT-Karrieren fördert und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit verbunden ist, ein Studium erfolgreich abzuschließen.1,2
Allerdings fühlen sich Mädchen im MINT-Kontext nachweislich seltener zugehörig als Jungen – ein Unterschied, der ihr Interesse und ihre Kurswahlentscheidungen maßgeblich beeinflusst.1,3
So zeigte etwa eine Studie, dass Schülerinnen MINT-Fächer deutlich attraktiver fanden, wenn sie sich dort eine stärkere Zugehörigkeit vorstellen konnten, unabhängig von ihrer selbst eingeschätzten Leistung im jeweiligen Fach.4
Warum fühlen sich Mädchen und Frauen in MINT oft weniger zugehörig?
Dass Mädchen und Frauen in MINT-Kontexten häufig ein geringeres Zugehörigkeitsgefühl erleben als Jungen und Männer, liegt nicht an mangelnder Kompetenz oder geringeren Fähigkeiten. Vielmehr spielen kulturelle und strukturelle Faktoren eine zentrale Rolle.
Kulturell wirken insbesondere stereotype Vorstellungen: MINT gilt häufig als männlich geprägt, abstrakt, wenig alltagsbezogen und kaum sozial oder gesellschaftlich relevant – Zuschreibungen, die das Zugehörigkeitsgefühl von Mädchen deutlich mindern können. Bereits die Gestaltung von Lernräumen – etwa durch Objekte, die als typisch für Informatik gelten, wie Star Trek Poster oder Videospiele – kann subtil vermitteln: Du passt hier nicht hinein.3,5
Auch mangelt es oft an weiblichen Vorbildern. Frauen sind in vielen MINT-Fächern unterrepräsentiert. Wer als Einzige im Kurs sitzt, fühlt sich schnell isoliert oder als Ausnahmeerscheinung – was das Zugehörigkeitsgefühl ebenfalls deutlich schwächen kann.6
Zudem zeigen Studien, dass viele Mädchen und junge Frauen Zugehörigkeit in MINT stark über soziale Eingebundenheit definieren: der Austausch mit Gleichgesinnten, unterstützende Beziehungen und ein vertrauensvolles Lernumfeld sind für sie zentrale Faktoren.7 Fehlt dieses Fundament, kann das zu Selbstzweifeln führen, mit entsprechenden Auswirkungen auf das Interesse und die Motivation, in MINT aktiv zu bleiben.
Umgekehrt gilt aber auch: Wenn diese Bedingungen erfüllt sind – wenn soziale Eingebundenheit möglich ist, unterstützende Vorbilder sichtbar sind und das Umfeld Offenheit signalisiert –, stärkt das das Zugehörigkeitsgefühl.
All das zeigt: Sense of Belonging ist ein entscheidender Hebel, um die Beteiligung von Mädchen und Frauen in MINT zu erhöhen. Wer sich zugehörig fühlt, bleibt engagiert – auch bei Rückschlägen – und entwickelt langfristig eine stärkere Bindung zum Thema.
Warum können vor allem außerschulische MINT-Bildungsangebote das Zugehörigkeitsgefühl fördern?
Außerschulische MINT-Programme wie Feriencamps, AGs, Wettbewerbe, Programmierkurse, Maker Spaces, FabLabs oder Mentoring-Initiativen bieten ein besonderes Potenzial, das Zugehörigkeitsgefühl von Mädchen in MINT zu stärken. Denn sie eröffnen Lernräume, die sich oft durch kleinere Gruppen, freiwillige Teilnahme, Praxisnähe und eine unterstützende soziale Atmosphäre auszeichnen. Solche Rahmenbedingungen können Zugehörigkeit gezielt fördern, gerade auch als Ergänzung zu schulischen MINT-Erfahrungen.
Studien zeigen, dass genau diese Faktoren den Sense of Belonging positiv beeinflussen können. So berichteten Teilnehmerinnen eines einwöchigen MINT-Camps bereits nach kurzer Zeit von einem gestärkten Zugehörigkeitsgefühl, mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und einer stärkeren Identifikation mit MINT.8 Besonders wirksam war dabei die Kombination aus forschendem Lernen, alltagsnahen Aufgaben, Peer-Unterstützung und gezieltem Austausch mit greifbaren Vorbildern aus dem MINT-Bereich.
Was können MINT-Bildungsanbieter:innen konkret tun, um das Zugehörigkeitsgefühl zu stärken?
Außerschulische MINT-Angebote können gezielt Maßnahmen umsetzen, um das Zugehörigkeitsgefühl von Mädchen zu stärken und damit ihr langfristiges Interesse und Engagement in MINT zu fördern:
- Eine wertschätzende Atmosphäre schaffen: Mädchen erleben mehr Zugehörigkeit, wenn sie sich willkommen fühlen, ihre Stimme zählt und sie keine Angst vor Fehlern haben müssen. Eine respektvolle, unterstützende Atmosphäre fördert Offenheit, Lernfreude und die aktive Beteiligung – gerade in MINT-Kontexten, wo viele Mädchen sich zunächst unsicher fühlen können.3
- Nicht-stereotype Lernräume schaffen: Auch Räume, Materialien und Bilder vermitteln Botschaften und beeinflussen, ob Mädchen sich zugehörig fühlen. Studien zeigen, dass stereotyp gestaltete Umgebungen abschreckend wirken können.3,5
- Peer-Gemeinschaften aufbauen: Vertrauensvolle Gruppen – etwa geschützte Räume nur für Mädchen – schaffen Gelegenheiten zum Austausch, zur gegenseitigen Unterstützung und zum offenen Umgang mit Herausforderungen. Solche Peer-Strukturen stärken das Zugehörigkeitsgefühl und helfen beispielsweise dabei, eigene Unsicherheiten als normal einzuordnen.9
- Mentorinnen einbinden: Mentorinnen, die unterstützen, zuhören und Orientierung geben, wirken als verlässliche Bezugspersonen, sowohl fachlich als auch emotional. Studien zeigen: Mentoring kann das Zugehörigkeitsgefühl stärken und den Verbleib von Mädchen und jungen Frauen im MINT-Bereich deutlich fördern.10
- Weibliche MINT-Rollenmodelle sichtbar machen: Vorbilder, mit denen sich die Mädchen – auch über MINT hinaus – durch Gemeinsamkeiten identifizieren können, vermitteln Zugehörigkeit. Entscheidend sind dabei nicht nur erfolgreiche Karrierewege, sondern auch persönliche Einblicke und Geschichten, die zeigen: Es gibt viele Wege in MINT – und auch ich kann dazugehören.6
- Erfolge sichtbar machen und würdigen: Wenn Fortschritte – auch kleine –anerkannt werden, stärkt das das Selbstvertrauen und die Zugehörigkeit zum MINT-Bereich. Besonders bestärkend sind hier Formate, in denen Teilnehmende ihre Ergebnisse öffentlich präsentieren. Das steigert nicht nur das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sondern vermittelt auch das Gefühl, Teil der MINT-Gemeinschaft zu sein.11
- Langfristige Bindung ermöglichen: Wer über längere Zeit mitmachen kann, erlebt Kontinuität und baut stabile Beziehungen auf. Eine längere Programmdauer, wiederholte Teilnahme und passende Anschlussformate fördern ein nachhaltiges Zugehörigkeitsgefühl.2
Unser Fazit
Außerschulische MINT-Bildungsanbieter:innen können das Zugehörigkeitsgefühl von Mädchen gezielt stärken, indem sie ihre Angebote so gestalten, dass Mädchen sich willkommen und eingebunden fühlen. Jede Erfahrung, die vermittelt „Du gehörst hierher!“, stärkt dieses Gefühl. Die Mentorin, die an sie glaubt, die gleichgesinnte Freundin in der Robotik-AG oder das Erfolgserlebnis beim Hackathon – diese Erfahrungen wirken, auch über das einzelne Angebot hinaus.
Veranstaltungstipp
Ihr habt Fragen, sucht Input oder wollt Euch mit anderen MINT-Bildungsanbieter:innen vernetzen? Dann kommt zu unserem nächsten MINTcafé Gender!
- Dieses Mal dreht sich alles um das Thema „Sense of Belonging“ – mit Impulsen aus Forschung und Praxis sowie Raum für Austausch und Diskussion.
- Mit dabei: Unser Schwesterprojekt MesH_MINT, das Einblicke in die aktuelle Forschung gibt!
- Für den Praxisimpuls sind wir noch auf der Suche – kennt Ihr oder seid Ihr ein Beispiel, das das Zugehörigkeitsgefühl von Mädchen in MINT besonders in den Fokus nimmt? Meldet Euch gerne bei uns!
1 Xu, C., & Lastrapes, R. E. (2022). Impact of STEM sense of belonging on career interest: The role of STEM attitudes. Journal of Career Development, 49(6), 1215–1229. https://doi.org/10.1177/08948453211033025
2 Hansen, M. J., Palakal, M. J., & White, L. (2024). The importance of STEM sense of belonging and academic hope in enhancing persistence for low-income, underrepresented STEM students. Journal for STEM Education Research, 7(2), 155–180. https://doi.org/10.1007/s41979-023-00096-8
3 Master, A., Cheryan, S., & Meltzoff, A. N. (2016). Computing whether she belongs: Stereotypes undermine girls’ interest and sense of belonging in computer science. Journal of Educational Psychology, 108(3), 424–437. https://doi.org/10.1037/edu0000061
4 Veldman, J., van Laar, C., Thoman, D. B., & van Soom, C. (2021). “Where will I belong more?”: The role of belonging comparisons between STEM fields in high school girls’ STEM interest. Social Psychology of Education, 24(5), 1363–1387. https://doi.org/10.1007/s11218-021-09663-6
5 Cheryan, S., Plaut, V. C., Davies, P. G., & Steele, C. M. (2009). Ambient belonging: How stereotypical cues impact gender participation in computer science. Journal of Personality and Social Psychology, 97(6), 1045–1060. https://doi.org/10.1037/a0016239
6 Dasgupta, N., & Stout, J. G. (2014). Girls and women in science, technology, engineering, and mathematics: STEMing the tide and broadening participation in STEM careers. Policy Insights from the Behavioral and Brain Sciences, 1(1), 21–29. https://doi.org/10.1177/2372732214549471
7 Dost, G. (2024). Students’ perspectives on the ‘STEM belonging’ concept at A-level, undergraduate, and postgraduate levels: An examination of gender and ethnicity in student descriptions. International Journal of STEM Education, 11(1). https://doi.org/10.1186/s40594-024-00472-9
8 Milton, S., Sager, M. T., & Walkington, C. (2023). Understanding racially minoritized girls’ perceptions of their STEM identities, abilities, and sense of belonging in a summer camp. Education Sciences, 13(12), 1183. https://doi.org/10.3390/educsci13121183
9 LaDue, N. D., Zocher, E., & Dugas, D. (2024). “It just makes it feel like you’re not alone”: A qualitative study of a social support group for high-achieving, low-income STEM majors. Journal for STEM Education Research, 7(2), 227–256. https://doi.org/10.1007/s41979-024-00116-1
10 Dennehy, T. C., & Dasgupta, N. (2017). Female peer mentors early in college increase women’s positive academic experiences and retention in engineering. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 114(23), 5964–5969. https://doi.org/10.1073/pnas.1613117114
11 Martín-Peciña, M., Quesada, A., Abril, A. M., & Romero-Ariza, M. (2025). Breaking barriers to unleash STEM futures by empowering girls through mentorship in summer camps. Education Sciences, 15(2), 242. https://doi.org/10.3390/educsci15020242
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