„Vielfalt nicht nur anerkennen, sondern aktiv zulassen.”
Wissenschaftlerin Jasmin Çolakoğlu über MINT für alle.
Vielfalt fördern – das klingt gut, wird aber in der Praxis oft als herausfordernd empfunden. Jasmin Çolakoğlu ist Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik. Als Teil ihrer Promotion forscht sie zu MINT-Identitäten von Kindern und Jugendlichen, die von bisherigen Bildungsangeboten kaum berücksichtigt werden, sowie zur Diversitätssensibilität pädagogischen Personals an außerschulischen Lernorten.
Mit der Broschüre „MINT für alle – Gemeinsam Vielfalt fördern“ unterstützt sie Lehrende und Bildungsakteur:innen mit ihren Angeboten wirklich ALLE zu erreichen. Im Interview spricht sie darüber, welche unbewussten Vorurteile und Stereotypen als Barrieren wirken. Sie erklärt, warum Reflexion und persönliche Begegnungen so zentral sind und wie Bildungsanbietende MINT-Lernräume schaffen können, in denen sich wirklich jedes Kind willkommen fühlt und gesehen wird.
Warum ist es so schwierig, dass Kinder und Jugendliche sich von MINT-Angeboten angesprochen fühlen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Sprache oder sozialem Hintergrund?
Jasmin Çolakoğlu: MINT gilt oft als neutral – ist es aber nicht. Historisch wurde der typische „MINT-Mensch“ als weiß, männlich, heterosexuell und akademisch wahrgenommen. Diese Prägung wirkt bis heute nach. Migrantisierten1 Mädchen zum Beispiel wird es durch diese vorgeprägten Vorstellungen erschwert, sich in MINT-Räumen willkommen zu fühlen, weil sie spüren und sehen, dass sie bisher keine Rolle in diesen Orten gespielt haben – obwohl sie genauso interessiert und talentiert sind. Das Problem liegt hier nicht bei den Kindern, sondern bei unseren unreflektierten Erwartungen.
Neben dem Geschlecht spielt die soziale Herkunft eine große Rolle für MINT-Bildungschancen. Was ist der Forschungsstand dazu?
Jasmin Çolakoğlu: Absolut. Studien2 wie PISA zeigen deutlich: Kinder aus sozio-ökonomisch schwächer gestellten Familien haben im Schnitt weniger Chancen, was sich in einem geringeren naturwissenschaftlichen Kompetenzniveau widerspiegelt. Kinder aus wohlhabenderen Haushalten besuchen häufiger Gymnasien – was langfristig bessere Chancen in MINT-Berufen bedeutet. Bildungserfolg ist in Deutschland leider immer noch stark von der sozialen Herkunft abhängig. Auch außerschulische MINT-Angebote sind nicht automatisch frei von gesellschaftlichen Ungleichheiten.
Welche Herausforderungen ergeben sich aus der Diversität von Lernenden?
Jasmin Çolakoğlu: Studien zeigen, dass insbesondere muslimische und migrantisierte Kinder oft mit negativen Vorannahmen konfrontiert sind – nicht nur in der Schule, sondern in allen Bildungs- und Ausbildungskontexten. Die Herausforderung liegt weniger in der Diversität der Kinder selbst, sondern darin, dass Bildungsangebote meist nur für einen bestimmten Typus von Lernenden gedacht sind. Lehrende sollten sich daher bewusst mit ihren eigenen Vorurteilen auseinandersetzen.
Wie wirken sich solche Vorannahmen auf Kinder und Jugendliche aus?
Jasmin Çolakoğlu: Lehrkräfte rufen Kinder mit Migrationshintergrund seltener auf, schenken ihnen weniger Aufmerksamkeit und erwarten geringere Leistungen. Das beeinflusst Motivation, Selbstwirksamkeit und Identitätsentwicklung negativ. Studien zeigen zudem, dass migrantisierte MINT-Studierende ihre Zugehörigkeit in akademischen Kontexten oft als fragil erleben. Es braucht daher die Anerkennung unterschiedlicher Lebensgeschichten und eine bewusste Reflexion eigener Stereotype.
Was sollten Bildungsakteur:innen konkret tun?
Jasmin Çolakoğlu: Auch außerschulische MINT-Angebote sind nicht automatisch frei von gesellschaftlichen Ungleichheiten. Um diese Dynamik zu verändern, müssen wir uns als Bildungsakteur:innen eingestehen, dass die bisherigen Methoden und Denkmuster nicht neutral sind, sondern sich an bestimmten Normen orientieren. Die Vielfalt der Kinder ist nicht das Problem, sondern unsere mangelnde Vorstellungskraft und unser Festhalten an gewohnten Strukturen. Wenn wir außerschulische MINT-Räume wirklich für alle öffnen wollen, müssen wir neue Wege gehen: Das heißt, mutig bisherige Routinen hinterfragen, unsere eigenen Vorurteile anerkennen und gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen Angebote entwickeln, die deren unterschiedlichen Lebensrealitäten gerecht werden. Lehrende und Pädagog:innen müssen bereit sein, ihre eigenen Vorurteile und Unsicherheiten zu thematisieren und mit Kindern gemeinsam Räume zu gestalten, in denen sie sich gegenseitig in ihren Lebenswelten anerkennen und wertschätzen. Dafür gilt es, mit sich und im Team ehrlich ins Gespräch zu gehen: Sind es Stereotype, ist es die Lernumgebung, sind es die Themen, die vielleicht unpassend sind? Dazu braucht es auch den Mut zur eigenen Verletzlichkeit. Ein weiterer wichtiger Schritt ist auch, die Kinder selbst zu Wort kommen zu lassen: Was interessiert sie? Was brauchen sie, um sich sicher zu fühlen? Wer emotional eingebunden ist, kann sich auch fachlich entfalten.
Könnten Kinder und Jugendliche trotz dieser erschwerten Lernbedingungen in MINT erfolgreich sein? Reichen kognitive Fähigkeiten allein aus?
Jasmin Çolakoğlu: Natürlich gibt es diese Erfolgsgeschichten, die es trotz erschwerter Bedingungen schaffen – und selbstverständlich spielen kognitive Fähigkeiten in unserem Schulsystem, wie es aktuell funktioniert, eine bedeutende Rolle. Allerdings zeigt uns die Forschung deutlich, dass für nachhaltigen Erfolg in MINT nicht allein Fähigkeiten entscheidend sind. Mindestens genauso wichtig ist es, dass sich junge Menschen in diesen Kontexten willkommen fühlen und eine positive, stabile MINT-Identität entwickeln können. Studien belegen, dass eine ausgeprägte MINT-Identität eng mit Berufswünschen und hohem Ausdauervermögen in MINT zusammenhängt. Damit sich diese MINT-Identität herausbilden kann, müssen wir Angebote schaffen, die nah an der Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen sind.
Du hast viel über das Reflektieren eigener Stereotype gesprochen. Welche sollten wir uns unbedingt bewusst machen?
Jasmin Çolakoğlu: Neben den bekannten Geschlechterstereotypen wirken zum Beispiel auch sprachliche und verhaltensbezogene Stereotype sehr stark – oft ganz unbemerkt. Kinder, die zum Beispiel mit Akzent sprechen oder einen „nicht-standardsprachlichen“ Ausdruck verwenden, werden schnell als „weniger kompetent“ oder „nicht passend für MINT“ wahrgenommen. Dabei sagt Sprache nichts über Intelligenz oder Interesse aus. Ähnlich ist es bei unkonventionellem Verhalten: Was als „Störung“ interpretiert wird, sagt oft mehr über unsere eigene Vorstellung von „richtigem“ Verhalten aus als über das Kind selbst. Daher ist es wichtig, diese Momente zur Selbstreflexion zu nutzen und unser eigenes pädagogisches Handeln kritisch zu hinterfragen. Wenn wir Vielfalt nicht nur anerkennen, sondern aktiv zulassen, können wir MINT-Räume schaffen, in denen sich Kinder mit all ihren Facetten wiederfinden dürfen – auch mit Akzent, mit Eigensinn und mit neuen Ideen.
1 Die Autorin benutzt den Begriff „migrantisiert“, um zu verdeutlichen, dass Menschen oft gesellschaftlich als „mit Migrationshintergrund“ wahrgenommen oder behandelt werden – unabhängig davon, ob sie selbst oder ihre Familie tatsächlich zugewandert sind. Aus ihrer diskriminierungskritischen Sicht liegt das Problem nicht bei den Kindern, sondern in den gesellschaftlichen Erwartungen, die an sie herangetragen werden.
2 Die Studien, auf die sich Jasmin bezieht, sind in der Broschüre aufgeführt.

Wer ist Jasmin Çolakoğlu?
Wer ist die Zielgruppe der Broschüre?
Die Broschüre richtet sich an Mitarbeitende an außerschulischen MINT-Lernorten wie Feriencamps, Schülerlaboren, Museen, interaktiven Wissenschaftszentren usw. Zudem finden sich darin Anregungen, die MINT-Lehrkräfte im schulischen Kontext berücksichtigen können.
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