10 Fakten zu Monoedukation
Wie wirken geschlechterspezifische Lernangebote?
„Jungen und Mädchen lernen unterschiedlich“ – das hört man oft. Aber was passiert, wenn man sie tatsächlich getrennt unterrichtet? Monoedukation, also nach Geschlechtern getrennte Angebote, gelten als Möglichkeit, besser auf spezifische Lernbedürfnisse einzugehen und so Chancengleichheit zu fördern. Doch wie wirksam ist dieser Ansatz wirklich? Was die Bildungsforschung über Monoedukation sagt und wie Ihr dieses Wissen in der Praxis nutzen könnt, erfahrt Ihr in diesen 10 Fakten, ausgewählt von unserem Schwesterprojekt MesH_MINT.
1. Die Wirksamkeit von Monoedukation ist nicht eindeutig belegt
In der Bildungsforschung gibt es bislang keine Einigkeit darüber, ob Jungen und Mädchen, die getrennt unterrichtet werden, wirklich bessere Leistungen erzielen. Einige Studien weisen auf Vorteile hin – insbesondere in MINT-Fächern. Hier schneiden Schüler:innen an Single-Sex-Schulen zum Teil besser ab.1 Andere Untersuchungen wiederum finden keine signifikanten Leistungsunterschiede zwischen mono- und koedukativen Schulformen.2 Eine umfangreiche Meta-Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass Monoedukation nur geringe positive Effekte auf die Leistungen in MINT hat.3 Eine aktuellere Übersichtsarbeit betont zudem: Nur weil Mädchen und Jungen getrennt lernen, steigen die Leistungen noch lange nicht automatisch. 4
2. Ein stark ausgeprägtes Selbstbild von Jungen kann das Selbstbild von Mädchen beeinträchtigen
Jungen trauen sich in MINT-Fächern oft mehr zu. Sie entwickeln ein stärkeres Selbstbild in MINT – unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung. In gemischten Klassen kann das dazu führen, dass Mädchen sich eher zurückziehen. Mädchenschulen könnten Schülerinnen dabei helfen, ein realistischeres, gestärktes Selbstbild in MINT aufzubauen.5 Auf der anderen Seite zeigen Studien, dass Schüler an reinen Jungenschulen ein tendenziell schwächeres mathematisches Selbstbild haben als Gleichaltrige in koedukativen Schulen.2 Das spricht dafür, dass es beim Selbstvertrauen in MINT-Fächern nicht nur um Leistung geht, sondern auch stark um die Gruppendynamik zwischen Mädchen und Jungen im Klassenzimmer.
3. Getrennte Klassen reduzieren Geschlechterklischees
Verschiedene Studien zeigen, dass sich mono- und koedukativer Unterricht in einem Punkt stark unterscheidet: und zwar, wie sehr Stereotype vorherrschen. In einer rein weiblich geprägten Lernumgebung spielt das weit verbreitete Bild von MINT als männlich dominiertem Bereich eine geringere Rolle.
Schülerinnen an Single-Sex-Schulen berichten von deutlich weniger geschlechtsbezogenen Stereotypen als Mädchen in gemischten Klassen.6 Ohne männliche Mitschüler sinkt zudem die wahrgenommene Erwartungshaltung, sich geschlechtsspezifisch – also vermeintlich „typisch weiblich“ – zu verhalten.7
4. Mehr Aufmerksamkeit für Jungen schadet dem Selbstbild und der Leistung von Mädchen
In koedukativen Klassen bekommen Jungen systematisch mehr Aufmerksamkeit, Lob und positive Rückmeldungen durch Lehrkräfte – sei es bei Wortmeldungen, bei Aufgaben oder bei der Bewertung von Leistungen.7 Das kann dazu führen, dass Mädchen sich weniger gesehen und unterstützt fühlen. Die Folge: ein geschwächtes Selbstbild und geringere Lernmotivation insbesondere in MINT-Fächern, wo das Zutrauen in die eigene Kompetenz entscheidend ist.7
Tipp: Die Lehr- und Betreuungspersonen in Euren MINT-Angeboten sollten bewusst auf ausgewogene Interaktionen achten: Mädchen gezielt ansprechen, ermutigen und ihre Beiträge aktiv sichtbar machen. Sie sollten jedoch nicht für jede Kleinigkeit gelobt werden. Die Art, wie gelobt wird, sollte sich nicht unterscheiden. Trainings zu unbewussten Geschlechterstereotypen und zum Feedback-Verhalten können dabei helfen, langfristig gerechtere Lernumgebungen zu schaffen.
5. Monoedukation kann Selbstwirksamkeit und Motivation von Mädchen erhöhen
Nach einer Studie zeigten Schülerinnen in reinen Mädchenschulen im Vergleich zu ihren Altersgenossinnen in koedukativen Klassen größere Selbstachtung, stärkere intrinsische Motivation sowie mehr Leistungsmotivation.1 Das legt nahe, dass der getrennte Unterricht das Selbstwertgefühl und die Motivation von Mädchen stärkt. Gleichzeitig zeigte eine andere Studie, dass auch koedukative Lehrformate positive Effekte haben können: So entwickelten Mädchen unter diesem Studiendesign mehr Selbstvertrauen und konnten ihre kommunikativen Kompetenzen stärken (siehe den Blogbeitrag Mono- und/oder Koedukation?!“ bei MINTvernetzt).8
6. Wenn Schülerinnen unter sich sind, ist das Vertrauen in die eigenen MINT-Fähigkeiten größer
Mädchen in monoedukativen Klassen entwickeln ein deutlich stärkeres Vertrauen in ihre naturwissenschaftlichen Fähigkeiten als ihre Altersgenossinnen in koedukativen Klassen.5 Eine mögliche Erklärung dafür liegt in der reduzierten Präsenz geschlechtsbezogener Stereotype (siehe auch Fakt 3).
Tipp: Gestaltet Eure Lernangebote gezielt geschlechterreflektiert – beispielsweise durch reine Mädchenformate, die, anders als im Schulalltag besonders geschützte Räume bieten, in denen Mädchen MINT-Themen ohne den Vergleich zu Jungen erleben und gestalten können.
7. Lehrkräfte als Einflussfaktor: WER unterrichtet, macht den Unterschied
Eine größere Zahl weiblicher Lehrkräfte an Mädchenschulen korrelierte in einer Studie mit besseren Mathematikleistungen der Schülerinnen.9 Das deutet darauf hin, dass nicht die geschlechtergetrennte Schulform an sich, sondern die Kombination aus Lernumgebung und Vorbildwirkung weiblicher Fachkräfte entscheidend für den Lernerfolg sein kann.
Tipp: Achtet bei der Konzeption Eurer MINT-Angebote nicht nur auf die Zielgruppen, sondern auch auf deren Repräsentation im Team. Weibliche Fach- und Lehrkräfte wirken insbesondere auf Mädchen in MINT-Fächern als wichtige Rollenvorbilder (siehe auch 10 Fakten zu: Rollenmodelle in der MINT-Bildung – MINTvernetzt).
8. Frauen profitieren stärker von Gruppenarbeit mit anderen Frauen
Eine Studie zum universitären Unterricht belegt: Frauen schneiden beim gemeinsamen Lernen in gemischten Gruppen schlechter ab als in reinen Frauengruppen. Männer profitieren hingegen generell stärker vom kollaborativen Lernen.10 Untersucht wurde die Wirkung der Geschlechterzusammensetzung auf kollaborative Lehrmethoden im universitären Biologieunterricht. Dabei zeigte sich, dass Frauen unabhängig von der Methode in gleichgeschlechtlichen Gruppen besser abschnitten als Männer.10
Tipp: Insbesondere in gemischtgeschlechtlichen Gruppen sollten Lehrmethoden sensibel auf unterschiedliche Lernbedürfnisse eingehen. Es kann hilfreich sein, die Teams bei Gruppenarbeiten nach Jungen und Mädchen aufzuteilen – vor allem, um die Beteiligung und die Leistungsfähigkeit von Mädchen und jungen Frauen gezielt zu fördern.
9. Die Wirkung der Geschlechterzusammensetzung hängt vom Fach ab
Die Wirkung von Mono- oder Koedukation variiert je nach Schulfach und Geschlecht der Lernenden. Für Jungen ist die Zusammensetzung der Klasse entscheidend: In koedukativen Klassen machen sie deutlich größere Fortschritte im Sprachunterricht, während sich in Mathematik kaum Unterschiede zeigen.11 Für Mädchen ist dagegen die Zusammensetzung der gesamten Schule für die Mathe-Leistungen ausschlaggebend: In Mädchenschulen schneiden sie in Mathe deutlich besser ab, während sich im Sprachunterricht keine deutlichen Unterschiede zwischen mono- und koedukativer Umgebung nachweisen lassen.11 Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Jungen fachabhängig stärker auf die unmittelbare Gruppenumgebung im Klassenraum reagieren, während für Mädchen die strukturelle Lernumgebung, also die Schule als Ganzes, eine größere Rolle spielt.
10. Die Rolle des sozioökonomischen Status in der Monoedukation ist ungeklärt
Mädchen aus einkommensschwächeren Haushalten erzielen in Mädchenschulen bessere Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften als Schülerinnen aus vergleichbaren Verhältnissen an koedukativen Schulen.7 Für Jungen aus privilegierten Haushalten zeigen sich ähnliche Effekte: Auch sie schneiden in reinen Jungenschulen in Mathematik und Naturwissenschaften besser ab als Gleichaltrige in gemischten Schulformen.7 Diese Ergebnisse lassen jedoch noch kein klares Gesamtbild zu. Vielmehr deuten sie darauf hin, dass die Wirkung von Monoedukation stark von verschiedenen Faktoren wie Geschlecht und sozialem Hintergrund abhängt – und dass diese Zusammenhänge weiter erforscht werden müssen.
Mehr Wissen?
In diesem Beitrag erfahrt Ihr mehr zum Thema: Mono- und/oder Koedukation?!
1 Cherney, I. D., & Campbell, K. L. (2011). A League of Their Own: Do Single-Sex Schools Increase Girls’ Participation in the Physical Sciences? Sex Roles, 65, 712–724. https://doi.org/10.1007/s11199-011-0013-6
2 Law, H., & Sikora, J. (2020). Do single-sex schools help Australians major in STEMM at university? School Effectiveness and School Improvement, 31(4), 605–627. https://doi.org/10.1080/09243453.2020.1755319
3 Pahlke, E., Hyde, J. S., & Allison, C. M. (2014). The effects of single-sex compared with coeducational schooling on students’ performance and attitudes: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 140(4), 1042. https://doi.org/10.1037/a0035740
4 Robinson, D. B., Mitton, J., Hadley, G., & Kettley, M. (2021). Single-sex education in the 21st century: A 20-year scoping review of the literature. Teaching and Teacher Education, 106, 103462. https://doi.org/10.1016/j.tate.2021.103462
5 Simpson, A., Che, S. M., & Bridges, W. C., Jr. (2015). Girls’ and boys’ academic self-concept in science in single-sex and coeducational classes. International Journal of Science and Mathematics Education, 14(8), 1407–1418. https://doi.org/10.1007/s10763-015-9676-8
6 Abraham, J., & Barker, K. (2018). Motivation and Engagement with Physics: A Comparative Study of Females in Single-Sex and Coeducational Classrooms. Research in Science Education, 50(6), 2227–2242. https://doi.org/10.1007/s11165-018-9770-3
7 Smith, A., & Evans, T. (2024). Gender Gap in STEM Pathways: The Role of Gender-Segregated Schooling in Mathematics and Science Performance. New Zealand Journal of Educational Studies, 59, 269–287. https://doi.org/10.1007/s40841-024-00320-y
8 Roberts, K., & Hughes,R. (2019). Girls’ STEM identity growth in co-educational and single-sex STEM summer camps. The Journal of STEM Outreach, 2(1). https://doi.org/10.15695/jstem/v2i1.07
9 Park, H., Behrman, J. R., & Choi, J. (2018). Do single-sex schools enhance students’ STEM (science, technology, engineering, and mathematics) outcomes? Economics of Education Review, 62, 35-47. https://doi.org/10.1016/j.econedurev.2017.10.007
10 Almasri, F., Hewapathirana, G. I., Alhashem, F., Daniel, C. E., & Lee, N. (2022). The effect of gender composition and pedagogical approach on major and non-major undergraduates biology students’ achievement. Interactive Learning Environments, 31(10), 7287–7319. https://doi.org/10.1080/10494820.2022.2066138
11 Van de Gaer, E., Pustjens, H., Damme, J. V., & Munter, A. D. (2004). Effects of single‐sex versus co‐educational classes and schools on gender differences in progress in language and mathematics achievement. British journal of sociology of education, 25(3), 307-322. https://doi.org/10.1080/0142569042000216963
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