10 Fakten zu ADHS
ADHS verstehen und MINT-Angebote besser machen
Kreativ, energiegeladen, manchmal chaotisch – Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ticken oft ein bisschen anders. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung zählt zu den häufigsten psychiatrischen Diagnosen im Kindes- und Jugendalter. Der Umgang mit betroffenen Kindern und Jugendlichen in der MINT-Bildung kann eine echte Herausforderung sein, denn ADHS beeinflusst ihre Konzentration, ihre Motivation und ihre Fähigkeit zur Regulation – allesamt Kompetenzen, die für erfolgreiches Lernen entscheidend sind.1,2,3
In diesen zehn Fakten unseres Schwesterprojekts MesH_MINT zeigen wir Euch, was die Bildungsforschung über ADHS weiß – und wie Ihr betroffene Kinder und Jugendliche zusätzlich in Euren MINT-Angeboten unterstützen könnt.
1. ADHS äußert sich ganz unterschiedlich
Manche Kinder wirken verträumt und unkonzentriert, andere sind ständig in Bewegung – viele zeigen eine Kombination aus beidem. ADHS bewegt sich also auf einem Spektrum. Entscheidend für die Diagnose ist, dass die Symptome über längere Zeit und in mehreren Lebensbereichen auftreten und den Alltag der betroffenen Person deutlich beeinträchtigen.1
Im Diskurs um Neurodiversität werden Phänomene wie ADHS zunehmend nicht als Erkrankung, sondern als neurologische Variante beschrieben – also als Ausdruck der Vielfalt menschlicher Gehirne. Diese Perspektive betont die Unterschiede, also die Abweichung von der sogenannten Norm, anstatt nur die Defizite in den Mittelpunkt zu stellen.
2. Jungen erhalten häufiger eine ADHS-Diagnose als Mädchen
Weltweit zeigt sich ADHS bei etwa jedem dreizehnten Kind im Alter von 3 bis 12 Jahren und bei jedem achtzehnten Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren. Das hat eine Metaanalyse ergeben, die zahlreiche internationale Studien zusammenfasst.2 Damit zählt ADHS zu den häufigsten psychiatrischen Diagnosen im Kindes- und Jugendalter – auch in Deutschland.4 Jungen erhalten etwa viermal so häufig eine ADHS-Diagnose wie Mädchen, Männer etwa doppelt so oft wie Frauen.5 Die Diskrepanz kann an den ADHS-Tests, sowie an der unterschiedlichen Sozialisierung von Jungen und Mädchen liegen.
3. ADHS kann sich negativ auf Schulleistungen auswirken
Im Rahmen einer deutschen Langzeitstudie haben Kinder und Jugendliche mit ADHS im Lesen, Schreiben oder in Mathematik oft schlechter abgeschnitten als ihre Mitschüler:innen.6 Diese Leistungsunterschiede bleiben über die gesamte Schulzeit hinweg bestehen, wobei sie in der Kindheit besonders stark ausgeprägt sind. Gute Schulleistungen können wiederum die Diagnose von ADHS bis ins Erwachsenenalter hinauszögern.
4. Unaufmerksamkeit bremst stärker als Hyperaktivität
Nicht die Hyperaktivität, sondern die mangelnde Aufmerksamkeit wirkt sich laut Forschung am stärksten auf die schulischen Leistungen aus. Kinder, die sich schwer konzentrieren können, haben häufiger Rückstände beim Lernen und schlechtere Noten.7
5. Ohne greifbares Ziel fehlt die Motivation
Jugendliche mit ADHS haben im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne ADHS oft mehr Mühe, sich zum Lernen zu motivieren. Das betrifft besonders die extrinsische Motivation – also wenn das Verhalten durch äußere Ziele oder Belohnungen gesteuert wird. Fehlen äußere Anreize wie Noten oder andere greifbare Ziele, fällt es ihnen oft schwer, aus eigenem Antrieb zu lernen und gute Leistungen zu abzurufen.8
Tipp:
Kinder und Jugendliche mit ADHS profitieren besonders von klaren Strukturen, visuellen Orientierungshilfen und kurzen, abwechslungsreichen Lernphasen. Positive Verstärkung – etwa durch Lob oder kleine Belohnungssysteme – helfen, Aufmerksamkeit und Motivation aufrechtzuerhalten. Wichtig ist auch der regelmäßige Austausch zwischen Lehrkräften, Eltern und Fachkräften.9
6. Mehr Unterstützung durch Eltern hilft nicht automatisch
Eltern wollen oft alles tun, um zu helfen – doch mehr Unterstützung führt nicht zwangsläufig zu besseren Leistungen oder mehr Interesse an MINT-Fächern bei Jugendlichen mit ADHS.10 Entscheidend ist, wie Eltern unterstützen. Daher ist es sinnvoll, mit ihnen gemeinsam Strategien abzustimmen und gegenseitiges Verständnis aufzubauen. Das kann Eltern spürbar entlasten und bei den Kindern zu besseren Ergebnissen führen als reine „Mehr-Betreuung“.
7. Draußen lernen hat positive Effekte
Eine Studie lieferte Hinweise darauf, dass gezielte außerschulische Aktivitäten im Freien – konkret Wanderungen in der Natur – bei Jugendlichen mit ADHS sowohl die Aufmerksamkeit als auch das Interesse an naturwissenschaftlichen Themen steigern können.11 Die Forschung in diesem Bereich steht allerdings noch am Anfang; die hier genannte Studie betrachtet zum Beispiel nur wenige Schüler:innen. Trotzdem liefern die Erkenntnisse wichtige Ansatzpunkte für die Praxis sowie für die weitere Forschung.
Tipp:
Nutzt regelmäßig Bewegung und Lernangebote im Freien, um Aufmerksamkeit und Motivation zu fördern. Schon kurze Aktivitäten außerhalb des Klassen- oder Projektraums können helfen, den Kopf freizubekommen und sich besser zu konzentrieren – nicht nur bei Jugendlichen mit ADHS.
8. Trainingsprogramme zeigen langfristige Wirkung
Schulische Programme, die Zeitmanagement, Organisation und Lernstrategien fördern, wirken sich positiv auf Verhalten und Lernerfolg von Schüler:innen mit ADHS aus.12,13 Die positiven Effekte zeigen sich nicht nur unmittelbar, sondern auch mit größerem zeitlichem Abstand.12
Tipp:
Ein Ansatz, der sich dabei bewährt hat, ist das Arbeiten mit sogenannten Growth Mindset – also der Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Übung und Anstrengung wachsen können. Wenn Lehrkräfte Lernprozesse positiv rahmen und in Einheiten einteilen („Du kannst das mit etwas Übung schaffen“) statt Defizite zu betonen, stärkt das die Selbstwirksamkeit und Ausdauer von Jugendlichen mit ADHS.8
9. Kurze Trainings für Lehrkräfte machen großen Unterschied
Schon zweistündige Fortbildungen können Lehrkräften dabei helfen, ADHS besser zu verstehen und ihr Wissen konstruktiv in der Unterrichtsgestaltung einzubringen.14 Wie wichtig diese Trainings sind, zeigt auch die Perspektive der Betroffenen: In einer Studie berichteten Jugendliche, dass die schwierigsten Schulsituationen dann entstanden, wenn Lehrkräfte ADHS nicht „verstanden“ oder unangemessen reagiert haben.15
10. ADHS prägt den Bildungsweg langfristig
Jugendliche mit ADHS erreichen deutlich seltener einen Hochschulabschluss: Nur rund 15 % schließen später ein Studium ab – in der Vergleichsgruppe ohne ADHS sind es fast dreimal so viele.16 Als Ursache hierfür werden auch häufige disziplinarische Schwierigkeiten wie Schulverweise von Jugendlichen mit ADHS gesehen. Durch gezielte Unterstützung können Menschen mit ADHS aber durchaus auch hohe Bildungsabschlüsse erreichen.
Unter dem Motto „Neurodiversität als Chance“ stellt Euch der MINT-Campus praktische Ansätze und Strategien zur Schaffung neuroinklusiver Lernumgebungen an die Hand, die die individuellen Stärken neurodivergenter Lernender fördern.
[1] American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). Arlington, VA: American Psychiatric Publishing.
[2] Salari, N. et al. (2023). The global prevalence of ADHD in children and adolescents: A systematic review. Italian Journal of Pediatrics, 49(1), 48. https://doi.org/10.1186/s13052-023-01456-1
[3] World Health Organization. (2019). International classification of diseases for mortality and morbidity statistics (11th Revision). https://icd.who.int
[4] Akmatov, M. K., Steffen, A., Holstiege, J., Hering, R., Schulz, M., & Bätzing, J. (2018). Trends and regional variations in the administrative prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder among children and adolescents in Germany. Scientific reports, 8(1), 17029. https://doi.org/10.1038/s41598-018-35048-5
[5] Dimitri, D., Delia, G., Cavallo, F., Varini, M., & Fioretto, F. (2025). Sex differences in children and adolescents with attention-deficit/hyperactivity disorder: a literature review. Frontiers in Child and Adolescent Psychiatry, 4, 1582502. https://doi.org/10.3389/frcha.2025.1582502
[6] Frazier, T. W. et al. (2007). ADHD and achievement: Meta-analysis of the child, adolescent, and adult literatures. Journal of Learning Disabilities, 40(1), 49–65. https://doi.org/10.1177/00222194070400010401
[7] Condo, J. S., Chan, E. S., & Kofler, M. J. (2022). Examining the effects of ADHD symptoms and parental involvement on children’s academic achievement. Research in Developmental Disabilities, 122, 104156. https://doi.org/10.1016/j.ridd.2021.104156
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[9] Barkley, R. A. (2008). Classroom accommodations for children with ADHD. The ADHD Report, 16(4), 7–10.
[10] Ahn, J. H. (2024). STEM Interest and Achievement in High School Freshmen with ADHD. Lehigh University.
[11] Moore, A., Daniel, K. L., & Thomas, A. K. (2016). Engaging Students in Science through a Nature Hike: A Case of Two Students with ADHD. American Journal of Undergraduate Research, 13(2).
[12] Abikoff, H. et al. (2013). Remediating organizational functioning in children with ADHD. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 81(1), 113. https://doi.org/10.1037/a0029648
[13] Kates, M. S., & LaFreniere, L. S. (2025). School-Based Interventions for ADHD in Middle Schools. Education Sciences, 15(9), 1225. https://doi.org/10.3390/educsci15091225
[14] Latouche, A. P., & Gascoigne, M. (2017). In-service training for increasing teachers’ ADHD knowledge and self-efficacy. Journal of Attention Disorders, 23(3), 270–281. https://doi.org/10.1177/1087054717707045
[15] Maya Beristain, C., & Wiener, J. (2020). Finding true friendships: The friendship experiences of adolescents with ADHD. Canadian Journal of School Psychology, 35(4), 280–298. https://doi.org/10.1177/0829573520931679
[16] Kuriyan, A. B. et al. (2013). Young adult educational and vocational outcomes of children diagnosed with ADHD. Journal of Abnormal Child Psychology, 41(1), 27–41. https://doi.org/10.1007/s10802-012-9658-z
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