10 Fakten zum Selbstkonzept in MINT

Was Ihr über die Selbstwahrnehmung Eurer Lernenden wissen solltet

09. März 2026 Lesedauer: ca. 8 min
Didaktik
MesH
Zwei junge Menschen stehen gemeinsam lachend an einer Maschine. Beide tragen Ohrschutz und Schutzbrille.
Vanessa Leissring für MINTvernetzt

Bin ich gut in Chemie – oder ist das nichts für mich? Kann ich gut rechnen? Oder schaffe ich die komplizierteren Aufgaben sowieso nicht? Das Selbstkonzept – also das subjektive Bild, das jemand von sich hat – zählt zu den zentralen Konzepten in der Bildungsforschung. Im MINT-Bereich umfasst es die Überzeugungen von Lernenden in Bezug auf ihre eigenen Fähigkeiten, ihr Verständnis sowie ihre erwartete Leistungsfähigkeit in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Empirische Studien zeigen, dass sich das Selbstkonzept stark auf Lernerfolge, Motivation und Bildungsentscheidungen auswirkt und so langfristig Bildungswege prägt.  

In den folgenden 10 Fakten aus unserem Schwesterprojekt MesH_MINT zeigen wir Euch den aktuellen Stand der Bildungsforschung zum Selbstkonzept – und wie Iihr von diesem Wissen profitieren könnt.  

1. Das Selbstkonzept ist subjektiv 

Das akademische Selbstkonzept beschreibt die subjektive Wahrnehmung der eigenen Kompetenz in einem spezifischen Inhaltsbereich, etwa Mathematik. Es umfasst sowohl kognitive Komponenten (z. B. die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten) als auch affektive Komponenten (z. B. Freude oder Unsicherheit im Fach). Entscheidend ist, dass das Selbstkonzept keine objektive Leistungsbeschreibung ist, sondern eine individuelle Interpretation eigener Erfahrungen.1,2  

2. Das Selbstkonzept entsteht durch Vergleiche 

Die Entwicklung des Selbstkonzepts erfolgt vor allem über Vergleiche. Lernende bewerten ihre Fähigkeiten im Vergleich zu anderen Lernenden (soziale Vergleiche), im Vergleich zu eigenen früheren Leistungen (zeitliche Vergleiche) sowie im Vergleich zwischen verschiedenen Fächern (dimensionale Vergleiche). Auf diese Art entscheiden sie, wie gut sie ihre eigenen Leistungen einschätzen und dadurch wird das Selbstbild geprägt.1  

3. Selbstkonzept und Selbstwirksamkeit sind verwandt, aber nicht gleich 

Obwohl Selbstkonzept und Selbstwirksamkeit ähnliche Bereiche abdecken, unterscheiden sie sich klar. Das Selbstkonzept beschreibt eine relativ stabile, generalisierte Einschätzung der eigenen Fähigkeiten in einem Fachbereich. Selbstwirksamkeit bezieht sich dagegen auf konkrete Situationen – also ob man sich einer bestimmten Aufgabe jetzt gerade gewachsen fühlt. Beide Konzepte stehen in engem Zusammenhang, erfüllen jedoch unterschiedliche Funktionen für Motivation und Handeln.3  

4. Mädchen haben ein niedrigeres mathematisches Selbstkonzept 

Im Durchschnitt trauen sich Mädchen in Mathe weniger zu als Jungen – selbst dann, wenn sie genauso gut sind. Gleichzeitig haben sie häufiger Angst vor Mathe und empfinden Aufgaben als schwieriger. Das zeigt, dass es nicht nur auf die tatsächliche Leistung ankommt, sondern auch auf das eigene Empfinden und mögliche soziale Einflüsse.4 

 
5. Das MINT-Selbstkonzept hat zentralen Einfluss auf Leistung und Motivation  

Ein hohes Selbstkonzept in MINT geht mit höherer Lernmotivation und besseren Leistungen einher. Wer sich selbst als kompetenter wahrnimmt, schneidet also in der Folge auch wirklich besser ab. Gleichzeitig beeinflussen frühere Leistungen das Selbstkonzept – es gibt also eine wechselseitige Beziehung. Wer in der Vergangenheit in einem Fach schlechte Noten bekommen hat, traut sich später auch weniger zu. Leistung und Selbstkonzept verstärken sich somit über die Zeit gegenseitig.5,6,7  

6. Ein hohes MINT-Selbstkonzept ist maßgeblich für langfristigen akademischen Erfolg 

Dass ein positives MINT-Selbstkonzept mit stabilerer Motivation, höherer Selbstwirksamkeit und besseren Leistungsergebnissen verbunden ist, hat auch langfristige Folgen. Lernende mit einem hohen Selbstkonzept setzen sich ambitioniertere Ziele und bleiben auch über längere Zeiträume hinweg im MINT-Bereich engagiert.8  

7. Geschlechterstereotype beeinflussen das MINT-Selbstkonzept 

Geschlechterklischees beeinflussen, wie stark Selbstvertrauen und Leistung zusammenhängen. Vor allem Mädchen erleben immer noch – offen oder unterschwellig – die Botschaft, dass Mathe, Technik oder Naturwissenschaften eher „Jungssache“ seien. Das kann ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schwächen und dazu führen, dass sie sich später seltener für Berufe im MINT-Bereich entscheiden.8  

Tipp: Stellt schon bei der Konzeption von Aufgaben sicher, dass Mädchen und Jungen gleichberechtigt vorkommen. Beispielsweise könnt Ihr darauf achten, nicht immer männliche Namen zu nutzen (wie z. B. „Karl programmiert einen Roboter“).  

8. Das MINT-Selbstkonzept kann man messen 

In der Forschung wird das akademische Selbstkonzept meist mit Fragebögen erfasst. Darin geben Lernende an, wie begabt sie sich selbst einschätzen oder wie leicht ihnen ein Fach fällt. Diese Fragen liefern zuverlässige Ergebnisse, erfassen aber vor allem das, was Menschen bewusst über sich denken.5  

Tipp: Nutzt kurze, fachbezogene Selbsteinschätzungen vor oder nach Lernphasen (z. B. „Wie sicher fühlst du dich bei linearen Gleichungen?“ statt „Wie gut bist du in Mathe?“). Das hilft Lernenden, ihr bewusstes Selbstkonzept zu reflektieren und macht Über- oder Unterschätzungen sichtbar. Kombiniere die Selbsteinschätzungen mit konkretem Feedback („Du hast Aufgabe X korrekt gelöst, weil …“). So lernen Kinder und Jugendliche, ihre Selbstwahrnehmung an eigenen Lernerfolgen auszurichten – statt an Vergleichen mit anderen. 

 9. Das MINT-Selbstkonzept ist veränderbar 

Studien zeigen, dass das Selbstbild in einem Fach nicht festgelegt ist, sondern gezielt gestärkt werden kann. Besonders hilfreich sind Maßnahmen, die Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, sich bewusst mit Leistungen auseinanderzusetzen, ihr Lernen zu steuern (also zu planen, zu überprüfen und zu reflektieren) und ihre eigenen Kompetenzen realistisch einzuschätzen.1,6  

Tipp: Sprecht Vergleichsmechanismen explizit an und verschiebt sie gezielt weg vom sozialen Vergleich („Wer ist besser?“) hin zu temporalen und zielorientierten Vergleichen. Konkret: „Was konntest du vor vier Wochen noch nicht – und was jetzt?“ Das hilft Lernenden, Erfolg als Entwicklungsprozess zu erleben und nicht als angeborene Fähigkeit.  

Tipp 2: Baut kurze, wiederkehrende Phasen ein, in denen Lernende ihr Vorgehen reflektieren – und nicht nur das Ergebnis. Zum Beispiel: 

„Was war der erste sinnvolle Schritt bei dieser Aufgabe?“ 
„Wo bist du festgehangen – und warum?“ 
„Welche Strategie hat heute funktioniert?“ 
Das stärkt die Wahrnehmung von Kontrolle und Kompetenz („Ich weiß, wie ich lerne“). 
Lernende schreiben Erfolge eher eigenen Strategien zu statt Glück oder Begabung – ein zentraler Hebel für ein positives Selbstkonzept. 

10. Gut gestaltete Übungen zeigen langfristige Effekte auf das Selbstkonzept 

Das Selbstkonzept in einem Fach kann man mit Hilfe von speziell zugeschnittenen Übungen positiv beeinflussen. Langfristige Effekte zeigen sich besonders bei Programmen, die in mehrere Module aufgeteilt sind und sowohl Überzeugungen als auch konkrete Lernstrategien einbeziehen. Das hat eine Studie mit Mathematik-Schüler:innen aus Madrid gezeigt. Durch eine Kombination aus verschiedenen Übungen konnten die Teilnehmenden ihr Verhältnis zu Mathe und ihre Selbstwahrnehmung in Bezug auf das Fach merklich verbessern – was sich auch in den Noten am Ende des Schuljahres widerspiegelte. Solche Trainings können das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten dauerhaft stärken.9  

5Arens, A. K., Marsh, H. W., Pekrun, R., Lichtenfeld, S., Murayama, K., & Vom Hofe, R. (2017). Math self-concept, grades, and achievement test scores: Long-term reciprocal effects across five waves and three achievement tracks. Journal of Educational Psychology109(5), 621–634. https://doi.org/10.25656/01:21651 
9Cvencek, D., Paz-Albo, J., Master, A., Herranz Llácer, C. V., Hervás-Escobar, A., & Meltzoff, A. N. (2020). Math is for me: A field intervention to strengthen math self-concepts in Spanish-speaking 3rd grade children. Frontiers in Psychology11(593995). https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.593995 
1Granello, F., Cuder, A., Doz, E., Pellizzoni, S., & Passolunghi, M. C. (2025). Improving math self-efficacy and math self-concept in middle school: a narrative systematic review. European Journal Of Psychology Of Education40(42). https://doi.org/10.1007/s10212-025-00939-5 
6Hörsch, H., Schumacher, J., Möller, J., & Wolff, F. (2025). Boosting students’ academic self-concepts: A self-concept intervention about comparison processes. Journal of Educational Psychology117(5), 789–816. https://doi.org/10.1037/edu0000944 
3Jansen, M., Scherer, R., & Schroeders, U. (2015). Students’ self-concept and self-efficacy in the sciences: Differential relations to antecedents and educational outcomes. Contemporary Educational Psychology41, 13-24. http://dx.doi.org/10.1016/j.cedpsych.2014.11.002 
4Lennon-Maslin, M., Quaiser-Pohl, C., & Wickord, L. C. (2024, May). Beyond numbers: the role of mathematics self-concept and spatial anxiety in shaping mental rotation performance and STEM preferences in primary education. Frontiers in Education9(1300598). https://doi.org/10.3389/feduc.2024.1300598 
7Luttenberger, S., Paechter, M., & Ertl, B. (2019). Self-concept and support experienced in school as key variables for the motivation of women enrolled in STEM subjects with a low and moderate proportion of females. Frontiers in Psychology10(1242). https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.01242 
2Tscholl, P. (2025). Mathematical self-concept anomalies in women regarding STEM degree aspirations: Being a big fish in a small pond? European Education57(2), 118-139, https://doi.org/10.1080/10564934.2025.2511623 
8Wang, L., & Yu, Z. (2023). Gender-moderated effects of academic self-concept on achievement, motivation, performance, and self-efficacy: A systematic review. Frontiers in Psychology14(1136141). https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1136141 

Ansprechpartnerin

Porträt einer Frau, die mit direktem, freundlichen Blick in die Kamera schaut.

Geraldine Blomberg, MesH_MINT

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