„Nie nur eine, sondern multiple Quellen verwenden“
Paul Frederik Hodes über digitale Quellenkritik
Früher waren Bücher die wichtigste Informationsquelle, heute ist es das Internet. Das bietet neue Möglichkeiten, birgt aber auch Risiken. Wie lassen sich online verlässliche Quellen von zweifelhaften unterscheiden? Diese Frage kann Paul Frederik Hodes, Doktorand an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, beantworten. Im Rahmen der Forschungsgruppe CORE (Critical Online Reasoning in Higher Education) untersucht er, wie Student:innen im Internet Informationen finden, bewerten und nutzen. Zudem kennt er wertvolle Tipps, wie Quellenkritik gelingt und auch außerhalb der Universität in die Lehre integriert werden kann. Ein Talk über den Durchblick in der digitalen Informationsflut.
Was sind denn typische Kompetenzen, um online verlässliche Informationen zu erkennen?
Paul Frederik Hodes: Um das zu erfassen, haben wir ein Konstrukt mit drei zentralen Facetten entwickelt: OIA, CIE und REAS. OIA umfasst die Art und Weise, wie Informationen online gesucht werden, also zum Beispiel die Wahl einer bestimmten Suchmaschine oder einer fachspezifischen Datenbank. CIE beschreibt die kritische Bewertung der gefundenen Informationen, beispielsweise anhand von Qualitätsmerkmalen wie der Reputation der Autor:innen oder dem Impressum einer Website. REAS bezieht sich darauf, dass diese Informationen dann noch zu schlüssigen Argumenten verknüpft werden müssen. Alle drei Aspekte hängen eng zusammen und erfordern eine Umgebung, in der die Notwendigkeit zur kritischen Quellenbewertung erkannt wird.
Ihr fokussiert Euch auf Student:innen. Sind Eure Erkenntnisse auch auf andere Altersgruppen übertragbar?
Paul Frederik Hodes: Es gibt Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen, denn Studierende sind oft schon mit Online-Recherche vertraut. Das kann sie von Schulkindern oder älteren Menschen, die nicht mit Technologie aufgewachsen sind, unterscheiden. Trotzdem bleibt der Kern unserer Forschung für alle Altersgruppen relevant. Besonders in jungen Jahren, wenn der erste Kontakt mit Recherche, etwa für Referate, stattfindet, ist die Förderung kritischer Quellenbewertung entscheidend. Wie diese Förderung am besten umgesetzt wird, wollen wir in unserem Forschungsprojekt noch herausfinden. Vorab kann man sich auch anhand der EU-Leitlinien zur Bekämpfung von Desinformationen schlaumachen.
Hast Du einen persönlichen Bezug zum Thema oder ist es reines Forschungsinteresse?
Paul Frederik Hodes: Es ist das Thema meiner Dissertation, daher investiere ich viel Zeit und ich habe auch ein persönliches Interesse daran. Aber es ist vor allem ein Thema, das leicht begeistert, weil es für die ganze Welt relevant und hochaktuell ist: Wie beschaffen wir im 21. Jahrhundert Informationen und stellen deren Glaubwürdigkeit sicher?
Nun sind KI-Tools wie ChatGPT oder DeepSeek in der breiten Masse angekommen. Werden sie die kritische Auseinandersetzung mit Online-Quellen fördern oder behindern?
Paul Frederik Hodes: Ich denke, dass sie sie fördern werden. Denn ohne kritische Reflexion ist die schiere Masse an Informationen nicht zu bewältigen und es kann sogar gefährlich werden: DeepSeek aus China, zum Beispiel, spricht – zumindest nach heutigem Stand – ungern über Themen zur chinesischen Regierung. Das bedeutet aber nicht, dass KI grundsätzlich schlecht ist. Sie muss jedoch immer kritisch hinterfragt werden, weil sie immer biased ist.
Was ist ein Bias?
Ein Bias ist eine systematische Verzerrung oder Voreingenommenheit. Eine KI könnte zum Beispiel ländliche Regionen weniger berücksichtigen, wenn sie vor allem mit Daten aus städtischen Gebieten trainiert wurde, und so die ländliche Perspektive vernachlässigen.
Welche praktischen Hilfen gibt es, um KI-Quellen besser zu beurteilen?
Paul Frederik Hodes: Man muss die Extrameile gehen und die KI darum bitten, die verwendeten Quellen auszugeben – und diese dann gründlich überprüfen. Entscheidend ist, ob die Informationen aus zuverlässigen und aktuellen Quellen stammen. Außerdem sollte man immer auch noch selbst recherchieren, um ein vollständigeres Bild zu erhalten. Das gilt übrigens immer und ist mein wichtigster Tipp: nie nur eine, sondern multiple Quellen verwenden!
Worauf sollte ich bei der kritischen Bewertung von Internetquellen noch achten?
Paul Frederik Hodes: Zunächst würde ich immer die Autor:innen, die verwendeten Quellen und die Institution, die die Information bereitstellt, überprüfen. Fehlen diese Angaben, wird die Quelle unglaubwürdiger. Es ist ebenfalls wichtig, den Zweck der Quelle zu hinterfragen. Kürzlich habe ich recherchiert, wie viel Kaffee man maximal trinken sollte, und fand eine toll gemachte Website, die behauptete, es sei ganz egal, wie viel. Ein genauerer Blick zeigte dann, dass die Seite selbst Kaffeebohnen verkauft und daher nicht neutral sein kann. Bei aktuellen Themen wie etwa KI ist auch entscheidend, zu prüfen, ob die Informationen noch relevant sind. Ein einwandfreier Artikel aus einem Fachmagazin, der jedoch schon 20 Jahre alt ist, muss mit dem heutigen Forschungsstand abgeglichen werden.
Lust mehr zu erfahren?
Der Auftritt von Paul Frederik Hodes beim Science Slam auf der MINTvernetzt-Jahrestagung 2025 könnt Ihr Euch in diesem Video anschauen:
Critical Online Reasoning: Wie wir Informationen im Netz bewerten
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