„Teilhabe beginnt mit dem Wording"

Sprachsensibler Informatikunterricht: wie verständliche Arbeitsblätter die MINT-Bildung verbessern

09. April 2026 Lesedauer: ca. 6 min
Didaktik
Science Slam
Teilhabe

Deutsch und Informatik passen hervorragend zusammen! Davon ist Nils Prior von der Universität Oldenburg überzeugt. Denn mit dieser Fächerkombination lassen sich sprachliche Barrieren im Fachunterricht gezielt abbauen. Der Lehramtsstudent hat einen praktischen Leitfaden entwickelt, der dabei unterstützt, Informatik-Arbeitsblätter sprachsensibler zu gestalten – ein Ansatz, der sich auch auf andere Lernmaterialien übertragen lässt. 

Im Gespräch erklärt er, wie verständliche Lehrtexte im MINT-Bereich formuliert werden können, ohne den fachlichen Anspruch zu verlieren. So wird MINT-Bildung zugänglicher, inklusiver und effektiver. Auch in außerschulischen Lernsettings kann dieser Ansatz dazu beitragen, mehr junge Menschen für MINT zu begeistern – unabhängig von ihren sprachlichen Voraussetzungen. 

An welchem Forschungsthema arbeitest du gerade? 

Nils Prior: Ich beschäftige mich mit Arbeitsblättern im Informatikunterricht und untersuche, wie sich diese sprachlich einfacher – also sprachsensibler – gestalten lassen. Fachsprache kann für Lernende eine große Herausforderung darstellen, besonders im Fach Informatik. 

Um sprachliche Hürden abzubauen, habe ich einen Leitfaden entwickelt, der Informatiklehrkräften als praktischer Werkzeugkasten dienen soll. Er ist keine starre Anleitung, sondern eher ein flexibler Wegweiser mit konkreten und praxisnahen Hinweisen zur Gestaltung von Arbeitsblättern. Dabei geht es unter anderem um den Aufbau von Textzusammenhängen, die Vereinfachung von Satzstrukturen und den Umgang mit fachsprachlichen Begriffen, aber auch um formale Aspekte sowie den gezielten Einsatz visueller Elemente. Viele der Hinweise lassen sich auch auf Folien, Lehrbuchtexte oder andere Lernmaterialien übertragen. 

Die Sketchnote ist im Rahmen des Science Slam 2025 in Berlin entstanden.

Warum genau dieses Thema? 

Nils Prior: Aktuell studiere ich noch und mache meinen Master of Education in den Fächern Deutsch und Informatik. Meine Forschung verknüpft diese beiden Fächer und damit auch meine Interessen: die sprachlichen Aspekte aus Deutsch mit den fachlichen Anforderungen der Informatik.  

Es gibt zwar viele hilfreiche Fachbücher und Artikel zu Konzepten wie dem Scaffolding, einer Methode, bei der Lehrende durch gezielte Unterstützung den Lernprozess von Kindern und Jugendlichen strukturieren und begleiten. Doch mir fehlte immer etwas, das sich direkt im Alltag anwenden lässt. Genau aus diesem Grund habe ich den Leitfaden wie einen praktischen Werkzeugkasten aufgebaut, den man sofort nutzen kann.  

Was ist Scaffolding?

Der Begriff „Scaffolding“ stammt ursprünglich aus der Baubranche und bedeutet „Gerüst“. In der Pädagogik und im Lernkontext bezeichnet Scaffolding eine Methode, bei der Lehrende den Lernprozess von Kindern und Jugendlichen durch gezielte Unterstützung strukturieren und begleiten. Diese Hilfestellungen werden schrittweise angepasst und schließlich zurückgenommen, sobald die Lernenden genug Kompetenz entwickelt haben, um Aufgaben eigenständig zu bewältigen. Ziel des Scaffolding ist es, selbstständiges Lernen zu fördern und komplexe Inhalte besser zugänglich zu machen. 

Was wären konkrete Beispiele, wie ein Arbeitsblatt sprachsensibler wird? 

Nils Prior: Ich habe vier Kategorien herausgearbeitet: die Textebene, die Ebene der Aufgabenstellung, die Ebene der diskontinuierlichen Texte – etwa Bilder, Grafiken, Tabellen und Diagramme – sowie die Layoutebene. Jede Ebene hat ihre eigenen Besonderheiten. Auf der Textebene wird beispielsweise noch einmal zwischen Text-, Satz- und Wortebene unterschieden. Auf allen dieser Ebenen lassen sich mit kleinen sprachlichen Anpassungen Hürden abbauen.  

Wenn auf einem Arbeitsblatt zum Beispiel Operatoren verwendet werden, sollten diese am Satzanfang stehen und fett hervorgehoben sein. Operatoren sind Handlungswörter wie „berechne“ oder „beschreibe“, die in Aufgabenstellungen klar angeben, was von den Lernenden erwartet wird. Auch gestalterische Aspekte spielen eine wichtige Rolle – etwa eine gut lesbare Schriftgröße oder die Entscheidung zwischen Flatter- und Blocksatz. Spoiler: Flattersatz ist meist die bessere Wahl. 

Können auch andere Akteur:innen der MINT-Praxis von deinem Leitfaden profitieren? 

Nils Prior: Der Leitfaden richtet sich grundsätzlich an alle und ist auch auf andere Fächer übertragbar. Die Informatik weist jedoch einige Besonderheiten auf: Da sie ein relativ junges Fachgebiet ist, gibt es bislang nur wenig Forschung zur Sprachsensibilität in diesem Bereich. Andere MINT-Fächer sind hier bereits weiter. 

Zudem enthält die Informatik viele, häufig englische Fachbegriffe, die zusätzliche sprachliche Hürden darstellen können. Drei Kapitel richten sich daher gezielt an Informatiklehrkräfte und widmen sich sowohl fachsprachlichen Besonderheiten der Informatik als auch Themen wie blockbasierten Programmiersprachen. Die übrigen Kapitel lassen sich allgemein in der MINT-Praxis anwenden. 

Wie siehst du die Rolle der Sprachsensibilität in der Informatikbildung der Zukunft? 

Nils Prior: Wir werden nicht darum herumkommen, beim fachlichen Lernen auch die sprachliche Dimension mitzudenken. Ich stelle mir das oft wie zwei aufeinandergestellte Klötze vor: Einer steht für die sprachlichen Hürden, der andere für die fachlichen.  

Lernende stehen davor und können sie kaum überwinden, weil beide zusammen zu hoch sind. Wenn jedoch zumindest der sprachliche „Klotz“ verkleinert wird, wird es deutlich leichter, auch die fachlichen Herausforderungen zu bewältigen. 

Das gilt grundsätzlich für alle Fächer. Gleichzeitig zeigt sich, dass Informatik immer relevanter wird: Das Fach wird derzeit schrittweise in allen Bundesländern als Pflichtfach eingeführt. Gerade deshalb ist es wichtig, beim Lernen auch die sprachlichen Barrieren mitzudenken und sie abzubauen. 

Wie können wir mehr über Sprachsensibilität erfahren? 

Nils Prior: Neben meinem Leitfaden gibt es auch ein hilfreiches Analysetool der Universität Regensburg namens Ratte. Dort können Texte eingespeist werden, woraufhin eine wissenschaftlich fundierte Einschätzung darüber erfolgt, für welche Altersgruppe beziehungsweise welches Sprachniveau der Text geeignet ist. Auf dieser Grundlage kann der Text bei Bedarf an die jeweilige Lerngruppe angepasst werden. 

Lust mehr zu erfahren?  

Der Auftritt von Nils Prior beim Science Slam auf der MINTvernetzt-Jahrestagung 2025 könnt Ihr Euch in diesem Video anschauen:

Informatik endlich verständlich

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Informatische Bildung in Schulen: Arbeitsblätter mit Superkräften. (Leitfaden)

Wer ist Nils Prior?

Nils Prior ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Didaktik der Informatik an der Universität Oldenburg und promoviert dort zum Thema Sprache im Informatikunterricht. Zuvor studierte er Informatik und Deutsch auf Lehramt in Oldenburg und arbeitete während seines Studiums als studentische Hilfskraft in der Informatikdidaktik. Aktuell ist er an der Weiterentwicklung des Informatikunterrichtsmaterials IT2School beteiligt. 2025 stand er für Norddeutschland bei den Deutschen Meisterschaften im Science Slam in Düsseldorf auf der Bühne. 

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