Fehlerfreundlich und inklusiv
Technik-Workshops für MINTA* gestalten
Das Projekt Jugend hackt 2 Go der Vereine mediale Pfade und Spawnpoint testet an Thüringer Schulen des Landkreises Sömmerda Workshopkonzepte mit MINTA* Jugendlichen. In den Workshops haben sie sich kreativ und aktiv mit verschiedenen Technologien auseinandergesetzt und herausgefunden, was passiert, wenn digitale Bildung auf schulische Realität trifft. Stellvertretend für das Projekt stand uns Jennifer Neißer, Medienpädagogin bei Spawnpoint in Erfurt, zu einem Interview bereit:
MINTvernetzt: Wie seid Ihr auf die Zielgruppe MINTA* gekommen und warum seht Ihr gerade hier besonderen Bedarf?
Die Fokussierung auf MINTA* (Mädchen, inter, nicht-binäre, trans* und agender Personen) ist aus der Praxis heraus entstanden und aus einer Leerstelle, die sich durch nahezu alle MINT-Angebote zieht. Obwohl Technik unseren Alltag prägt, sind MINTA* Jugendliche in entsprechenden Bildungsangeboten weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Und falls es genderfokussierte Angebote gibt, so richten diese sich ausschließlich an Mädchen und umfassen nicht die gesellschaftliche Bandbreite an Geschlechtsidentitäten.
Mädchen, inter, nicht-binäre, trans* und agender Personen, die sich als nicht endo-cis-männlich beschreiben.
„Endo‑cis männlich“ beschreibt eine Person, die endogeschlechtlich ist (also bei der Geburt einen Körper hat, der den medizinischen Normvorstellungen von „eindeutig männlich“ entspricht) und sich gleichzeitig mit diesem zugewiesenen männlichen Geschlecht identifiziert (cis). Kurz gesagt: Ein „endo‑cis Mann“ gilt in vielen Gesellschaften als der normative Standard von „Männlichkeit“, weil sowohl Körpermerkmale als auch Geschlechtsidentität den üblichen Erwartungen entsprechen. Mehr Informationen findet Ihr hier.
Die Projekterfahrungen zeigen dabei sehr deutlich: Es fehlt nicht an Interesse, sondern an Zugängen. Viele Jugendliche berichten von Unsicherheiten, etwa der Angst, „etwas falsch zu machen“, oder davon, sich in bestehenden Technikräumen nicht angesprochen zu fühlen. Diese Erfahrungen entstehen nicht zufällig, sondern sind das Ergebnis struktureller Ausschlüsse, die sich über Jahre hinweg verfestigen.
Der besondere Bedarf ergibt sich somit nicht aus individuellen Herausforderungen, sondern aus den Rahmenbedingungen, in denen Lernen stattfindet. „Jugend hackt 2 Go“ reagiert darauf, indem gezielt Räume geschaffen werden, in denen MINTA* Technik als etwas erleben können, das ihnen offensteht und zu dem sie selbstverständlich dazugehören.
MINTvernetzt: Was sind die Gelingensbedingungen für geschlechterreflektierte Technik- und Medienbildung im ländlichen Raum? Was bedeutet „inklusive Technik-Workshops“ für Euch und was macht sie aus?
Geschlechterreflektierte Bildung beginnt für uns bereits in der Konzeption und nicht erst im Workshop selbst. Ein zentrales Learning aus dem Projekt ist, dass eine Einladung „für alle“ in der Praxis oft nicht ausreicht, um tatsächlich alle zu erreichen.
Inklusive Technik-Workshops zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie bewusst niedrigschwellig gestaltet sind, indem sie keine Vorkenntnisse voraussetzen, mit lebensweltbezogenen Themen arbeiten und den Einstieg in technische Inhalte spielerisch ermöglichen. Gleichzeitig bedeutet Inklusion, gezielt zu adressieren: So werden MINTA* aktiv angesprochen, Räume sensibel moderiert und – wo sinnvoll – auch Formate geschaffen, in denen dominante Gruppen zeitweise nicht präsent sind. Es ist außerdem zentral, einen möglichst bewertungsfreien Raum zu schaffen, in dem Fehler und Scheitern erlaubt sind und die MINTA* sich ausprobieren können.
Gerade im ländlichen Raum verstärken sich diese Anforderungen. Dort treffen oft weniger vorhandene Angebote auf stärkere soziale Sichtbarkeit und teilweise traditionellere Rollenbilder. Umso wichtiger ist es, Lernräume aktiv so zu gestalten, dass sie Sicherheit, Zugehörigkeit und Teilhabe ermöglichen.
MINTvernetzt: Seid Ihr im Verlauf des Projekts schulübergreifenden Herausforderungen und/oder Herausforderungen auf struktureller Ebene begegnet?
Viele der Herausforderungen, die im ländlichen Raum sichtbar werden, sind im Kern strukturelle Themen, die sich auf fast alle mitwirkenden Schulen übertragen lassen. Dazu zählen technische Einschränkungen, etwa wenn benötigte Anwendungen nicht installiert werden dürfen, ebenso wie sehr unterschiedliche Vorerfahrungen der Jugendlichen oder starre institutionelle Rahmenbedingungen.
Ein besonders anschauliches Beispiel ist der Umgang mit digitalen Grundlagen: Während einige Jugendliche bereits routiniert mit digitalen Tools arbeiten, sammeln andere hier ihre ersten Erfahrungen, etwa im Umgang mit Maus und Tastatur. Diese Unterschiede verlangsamen zwar Prozesse, machen aber gleichzeitig deutlich, wie wichtig es ist, Lernsettings so zu gestalten, dass sie unterschiedliche Ausgangspunkte berücksichtigen.
Übertragbar ist vor allem die Erkenntnis, dass Bildungsangebote grundsätzlich mit Heterogenität rechnen müssen und dass genau darin eine Chance liegt, neue, inklusivere didaktische Ansätze zu entwickeln.
MINTvernetzt: Vorbilder nehmen in der MINT-Bildung eine positive Rolle ein, können aber besonders bei als Mädchen sozialisierten Menschen auch abschreckend wirken. Wie geht Ihr mit dieser Situation um?
Die Forschung zeigt, dass Vorbilder zwar eine wichtige Rolle spielen, ihre Wirkung jedoch ambivalent sein kann. Insbesondere stark inszenierte „Karrierefrauen“ werden von einigen Jugendlichen nicht als inspirierend, sondern als schwer erreichbar wahrgenommen. Statt Motivation entsteht dann eher Distanz oder Frust.
Deshalb setzen wir bewusst auf andere Formen von Vorbildern. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die nahbar wirken, unterschiedliche Lebenswege sichtbar machen und nicht nur Erfolgsgeschichten erzählen, sondern auch Unsicherheiten und Umwege thematisieren. Entscheidend ist dabei, dass sich Jugendliche wiederfinden können.
Vorbilder entfalten ihre Wirkung dann, wenn sie nicht beeindrucken sollen, sondern anschlussfähig sind und zeigen, dass es viele Wege in technische Felder gibt.
In der Projektpraxis offenbarte sich die Vorbildrolle der weiblichen Workshopleitungen dadurch, dass einige Jugendliche großen Wert darauflegten, ihnen ihre Projektfortschritte und Ergebnisse zu präsentieren. Die entgegengebrachte Aufmerksamkeit und Anerkennung erfüllten sie dabei mit großem Stolz.
MINTvernetzt: Stereotypische Bewertungen beeinflussen den Lernerfolg vieler Kinder und Jugendliche. Wie schafft Ihr es (besonders für MINTA*), Bewertungen in Euren Räumen eine Pause zu geben? Wie können sich die Jugendlichen (be)wert(ungs)frei ausprobieren?
Ein zentraler Ansatz unserer Arbeit besteht darin, Bewertung bewusst ganz auszusetzen. Viele Jugendliche bringen aus der Schule die Erfahrung mit, dass Fehler negativ bewertet werden und mit persönlichem Scheitern verknüpft sind. Gerade im technischen Bereich kann das dazu führen, dass sie sich weniger zutrauen und Risiken vermeiden.
Dem setzen wir eine positive Scheiterkultur entgegen: Fehler werden nicht versteckt, sondern als selbstverständlicher Teil des Lernprozesses sichtbar gemacht, unterschiedliche Lösungswege werden anerkannt und Ausprobieren wird ausdrücklich gefördert. Statt eines festen Richtig-oder-Falsch-Denkens entsteht so ein Raum, in dem Lernen als Prozess verstanden wird.
Konkret bedeutet das, dass Jugendliche ohne Vergleichsdruck arbeiten, ihre eigenen Ideen verfolgen und sich schrittweise an Lösungen herantasten können. Diese Form des (be)wertungsfreien Ausprobierens stärkt insbesondere bei MINTA* das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
MINTvernetzt: Was sind Eure drei wichtigsten Handlungsempfehlungen und/oder Learnings in Bezug auf folgende Bereiche: Teilhabe (MINTA*) und schulisch-außerschulische Zusammenarbeit? Was könntet Ihr hier auf die schulische Realität übertragen?
Tipp 1 Teilhabe: Ein zentrales Learning ist, dass Teilhabe nicht automatisch entsteht, nur weil ein Angebot formal offen ist. Vielmehr braucht es gezielte Ansprache, bewusst gestaltete Räume und die Bereitschaft, bestehende Formate anzupassen. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, exklusive Angebote zu schaffen, um echte Inklusion zu ermöglichen.
Tipp 2 Schulisch-außerschulische Zusammenarbeit: In der Zusammenarbeit mit Schulen zeigt sich, dass unterschiedliche Logiken aufeinandertreffen. Schule ist als Ort von Leistung und vorgegebenen Lernprozessen meist nicht auf Fehleroffenheit oder selbstbestimmtes Lernen ausgerichtet. Entsprechend ungewohnt erschienen die Bewertungsfreiheit und Selbstbestimmtheit in den Workshops, während der erlernte Perfektionsanspruch der Jugendlichen weiterhin stark wirksam blieb. Erfolgreiche Kooperation entsteht dort, wo beide Seiten diese Unterschiede anerkennen und aktiv miteinander in Austausch treten.
Fazit Übertragbarkeit: Für die Übertragbarkeit auf die schulische Bildung lassen sich drei zentrale Ansätze festhalten: Eine positive Fehlerkultur, die Lernen als offenen Prozess begreift, iterative Lernansätze, bei denen Lösungen schrittweise entwickelt werden, sowie projektorientiertes Arbeiten, das an der Lebenswelt der Jugendlichen ansetzt. Diese Elemente fördern nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern stärken auch Selbstwirksamkeit und Motivation.
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Projektbeschreibung und Forschungsansatz
Leitfaden:
Inhalt: Gelingensbedingungen für Technik- und Medienbildung für MINTA*, Erkenntnisse aus dem Projekt und praktische Anleitungen zum Aufbau und der Umsetzung von Technik-Angeboten für MINTA* inklusive Curriculum und Technik-Anschaffungsliste. Veröffentlichung folgt.
Format und Zielgruppe: Handreichung für pädagogische Fachkräfte
MINTvernetzt Community Plattform | Jugend hackt 2 Go
MINTvernetzt Community Plattform | mediale pfade
MINTvernetzt Community Plattform | Spawnpoint – Institut für Spiel- und Medienkultur e.V.
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