Das Imposter-Phänomen in MINT
Warum Mädchen und Frauen an ihren Fähigkeiten zweifeln
Viele Mädchen und Frauen in MINT kennen das Gefühl: Die Noten stimmen, die Leistung ist da, aber innerlich bleibt der Zweifel. Statt zu glauben, dass sie kompetent sind, fragen sie sich, ob sie wirklich dazugehören oder nur zufällig erfolgreich sind.
Gerade in MINT-Fächern berichten Frauen davon, sich nicht gut genug zu fühlen, obwohl sie objektiv erfolgreich sind. Diese sogenannten Imposter-Gefühle können sich negativ auf das Selbstvertrauen, die Studiengangwahl und langfristig auch auf das Verbleiben im MINT-Bereich auswirken.1 Imposter-Gefühle stellen ein weltweit beobachtetes Phänomen dar. Studien dazu wurden unter anderem in den USA, Kanada, Großbritannien, Österreich, Belgien, im Iran, in Korea und Deutschland durchgeführt.2
Das Imposter-Phänomen verstehen
Die Psychologinnen Pauline Rose Clance und Suzanne Imes prägten den Begriff 1978. Sie beschrieben das Phänomen zunächst bei leistungsstarken Frauen, die trotz objektiver Erfolge überzeugt waren, diese nicht wirklich verdient zu haben.3 Zentrale Gedanken sind hierbei beispielsweise: „Irgendwann merken alle, dass ich eigentlich nicht kompetent bin“, „Ich hatte einfach nur Glück“ oder „Andere sind viel qualifizierter als ich“.
Die Forschung zeigt: Menschen mit starken Imposter-Gefühlen unterscheiden sich in der Regel in ihren tatsächlichen Leistungen nicht von anderen. Sie bewerten ihre eigenen Fähigkeiten jedoch deutlich negativer und erleben häufiger Stress, Prüfungsangst oder Perfektionismus.2 Wichtig ist außerdem: Das Imposter-Syndrom, wie es häufig genannt wird, ist keine anerkannte psychische Erkrankung. Viele Forschende sprechen deshalb heute eher vom Imposter-Phänomen oder von Imposter-Gefühlen.2
Warum MINT besonders betroffen ist
Imposter-Gefühle können grundsätzlich in vielen Bildungs- und Arbeitsbereichen auftreten. Sehr häufig werden sie jedoch in leistungsorientierten und wettbewerbsintensiven Umfeldern beschrieben, wozu auch viele MINT-Fächer zählen.2
Hinzu kommt, dass viele MINT-Bereiche weiterhin männlich geprägt sind. Mädchen und Frauen erleben dort nicht selten stereotype Vorstellungen darüber, wer „typischerweise“ technisch oder naturwissenschaftlich begabt ist.1 Vermutlich aufgrund dieser veralteten Denkweisen und Stereotype haben weibliche MINT-Studierende häufiger das Gefühl, ihre Zugehörigkeit permanent beweisen zu müssen. Mikroaggressionen, stereotype Erwartungen oder fehlende Vorbilder können das Gefühl verstärken, „eigentlich nicht dazuzugehören“.1, 3 Ebenso kann die Angst, diese Stereotype zu erfüllen, eine weitere Belastung darstellen, wodurch Betroffene dazu neigen, leistungsvermeidende Ziele zu priorisieren.1
Die Imposter-Gefühle sind hierbei weniger ein individuelles Problem, sondern vielmehr eine Reaktion auf strukturelle Ungleichheiten und Ausschlusserfahrungen. Sie entstehen im Zusammenspiel von Lernumgebungen, Leistungsnormen und gesellschaftlichen Erwartungen.6
Warum ist das relevant für Euch? Wenn junge Menschen ständig das Gefühl haben, sich beweisen zu müssen, kann das langfristig die Motivation, die Selbstwirksamkeit und die Bindung an MINT beeinträchtigen.1, 7
Das Problem beginnt früher als gedacht
Neuere Forschung deutet darauf hin, dass Imposter-Gefühle bereits in der Kindheit entstehen können. Schon Grundschulkinder zeigen Selbstzweifel und vergleichen ihre Fähigkeiten negativ mit denen anderer.4 Hierbei scheinen familiäre Erwartungen, leistungsbezogener Druck sowie widersprüchliche Rückmeldungen eine Rolle zu spielen.5, 6 Besonders im Verlauf der Jugend nehmen diese Gefühle häufig zu.4 Interessant ist dabei, dass Mädchen zwar im Durchschnitt früher stärkere Imposter-Gefühle als Jungen zeigen, Jungen im weiteren Entwicklungsverlauf allerdings schnell aufholen. Die beobachteten Unterschiede scheinen daher weniger auf das Geschlecht an sich zurückzugehen als vielmehr auf Unterschiede in der Entwicklung.4
Welche Rolle könnt Ihr als Lernumgebung dabei einnehmen? Kinder und Jugendliche entwickeln ihr Fähigkeitsselbstbild nicht isoliert, sondern in sozialen Kontexten, etwa in der Schule, der Familie, in Peer-Gruppen oder in außerschulischen Bildungsangeboten. Gerade MINT-Bildungsangebote können deshalb wichtige Räume sein, um Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit und positive Lernerfahrungen zu stärken.
Unsere praktischen Empfehlungen
Die Forschung zu konkreten Interventionen steckt bisher noch in den Kinderschuhen. Dennoch zeigen Studien erste Ansätze, die Imposter-Gefühle abschwächen und Selbstwirksamkeit fördern können.6 Hierzu zählen unter anderem:
- sichtbare Vorbilder (Role Models)
- Mentoring-Programme
- Peer-Austausch
- reflexive Workshops
- wertschätzende Feedbackkultur
- transparente Fehlerkultur
Aus diesen Ansätzen lassen sich erste Hinweise für die Gestaltung von Lern- und Arbeitsumgebungen ableiten.
1. Eine offene Lernkultur fördern: Fragen zu stellen, Unsicherheiten zu zeigen und Fehler zu machen, sollten als normaler Teil des Lernprozesses kommuniziert werden. Denn die Forschung zeigt, dass Menschen mit stark ausgeprägten Imposter-Gefühlen sich seltener aktiv beteiligen, weniger Fragen stellen und Lerngelegenheiten eher vermeiden – häufig aus Angst, Fehler zu machen oder „entlarvt“ zu werden.8
2. Zugehörigkeit und Anerkennung gezielt stärken: Neben der Förderung der fachlichen Kompetenzen sollten auch Zugehörigkeitserfahrungen und Anerkennung berücksichtigt werden. Das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein und wertgeschätzt zu werden, kann dazu beitragen, Selbstzweifel zu reduzieren und die aktive Beteiligung zu fördern.
3. Reflexive Austausch- und Unterstützungsformate schaffen: Besonders vielversprechend erscheinen Workshops, in denen Informationen über das Imposter-Phänomen mit Selbstreflexion und Gruppenaustausch kombiniert werden. So zeigte eine Studie aus dem Jahr 2022, dass ein interaktiver Workshop das Wissen über Imposter-Gefühle sowie das Bewusstsein für deren Verbreitung deutlich steigern konnte.9 Die Teilnehmenden reflektierten typische Imposter-Gedanken, tauschten sich in Klein- und Großgruppen über ihre Erfahrungen aus und entwickelten gemeinsam Strategien zum Umgang mit Selbstzweifeln.9
Darüber hinaus deuten aktuelle Forschungsarbeiten darauf hin, dass Mentoring-Programme, Peer-Support und sichtbare Vorbilder die Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit stärken können – insbesondere dann, wenn Vorbilder offen über eigene Unsicherheiten, Rückschläge und Umwege sprechen.
Unser Fazit
Imposter-Gefühle sind kein Randphänomen einzelner Personen, sondern stehen häufig in Zusammenhang mit sozialen Erwartungen und strukturellen Bedingungen. Gerade im MINT-Bereich zeigt sich, wie eng Fragen von Geschlecht, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit miteinander verbunden sind.1
Für Eure Arbeit eröffnet sich daraus eine wichtige Chance: Lernräume zu gestalten, in denen junge Menschen nicht nur Leistung zeigen, sondern auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln können.
1. Yang, Y., Xu, C., Karatas, T., Glass, T. E., & Maeda, Y. (2026). Achievement Goals, Imposter Syndrome, and Psychological Distress Among Female STEM Students: A Structural Equation Model. Journal of College Student Retention: Research, Theory & Practice, 27, 1056–1081. https://doi.org/10.1177/15210251231219933.
2. Bravata, D. M., Watts, S. A., Keefer, A. L., Madhusudhan, D. K., Taylor, K. T., Clark, D. M., Nelson, R. S., Cokley, K. O., & Hagg, H. K. (2020). Prevalence, Predictors, and Treatment of Impostor Syndrome: a Systematic Review. Journal of General Internal Medicine, 35, 1252–1275. https://doi.org/10.1007/s11606-019-05364-1.
3. Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The imposter phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 15, 241–247. https://doi.org/10.1037/h0086006.
4. Leonhardt, M., Vries, J. D., Etzler, S., Peetz, S., & Rohrmann, S. (2026). Do They Already Feel Like Frauds? Exploring the Impostor Phenomenon in Children and Adolescents. Children, 13, 149. https://doi.org/10.3390/children13010149.
5. Soares, A. K. S., do Nascimento, E. F., dos Passos Costa, R. T., Rezende, A. T., & da Silva Rosi, K. R. B. (2025). Evaluating the Role of Human Values and Parenting Styles in the Imposter Syndrome Among Children. Trends in Psychology, 1–20. https://doi.org/10.1007/s43076-025-00459-7.
6. Siddiqui, Z. K., Church, H. R., Jayasuriya, R., Boddice, T., & Tomlinson, J. (2024). Educational interventions for imposter phenomenon in healthcare: a scoping review. BMC Medical Education, 24, 43. https://doi.org/10.1186/s12909-023-04984-w.
7. Tao, K. W., & Gloria, A. M. (2019). Should I Stay or Should I Go? The Role of Impostorism in STEM Persistence. Psychology of Women Quarterly, 43, 151–164. https://doi.org/10.1177/0361684318802333.
8. Salari, N., Hashemian, S. H., Hosseinian-Far, A., Fallahi, A., Heidarian, P., Rasoulpoor, S., & Mohammadi, M. (2025). Global prevalence of imposter syndrome in health service providers: a systematic review and meta-analysis. BMC Psychology, 13, 571. https://doi.org/10.1186/s40359-025-02898-4.
9. Ogunyemi, O., Lee, T., Ma, M., Osuma, A., Eghbali, M., Bouri, N. (2022). Improving wellness: Defeating Impostor syndrome in medical education using an interactive reflective workshop. PloS one, 17(8). https://doi.org/10.1371/journal.pone.0272496.
Ansprechpartnerin


Weitere Beiträge
Fehlerfreundlich und inklusiv
Zwei Wege zur Wirkung
10 Fakten zu Monoedukation
Ihr wollt keinen Beitrag mehr verpassen?
Dann meldet Euch jetzt für unseren Newsletter an.
