10 Fakten zu kooperativem Lernen
Wie gemeinsames Lernen in MINT-Angeboten gelingt
“Teamwork makes the dream work” – was als Motto in vielen Bereichen des Lebens gilt, trifft auch auf den Lernprozess zu. Denn das gemeinsame Arbeiten an Aufgaben, das Aushandeln von Konflikten und Finden von Lösungen bietet viel Potenzial für Lernende – gerade in MINT. Denn kooperatives Lernen fördert nicht nur fachliches Verständnis, sondern auch soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit und Kommunikation und steigert gleichzeitig die Motivation.
Worauf es bei dem Lernkonzept ankommt – und wie Ihr kooperatives Lernen in Euren MINT-Angeboten einsetzen könnt – das erklären wir Euch in unseren 10 Fakten aus der Bildungsforschung von unserem Schwesterprojekt MesH_MINT.
1. Kooperatives Lernen ist mehr als herkömmliche Gruppenarbeit
Kooperatives Lernen umfasst Methoden, bei denen Lernende an gemeinsamen Zielen arbeiten. Dabei geht es nicht nur darum, Aufgaben zu erledigen, sondern miteinander ins Gespräch zu kommen, sich gegenseitig zu helfen und Lösungen zu finden. Sie lernen miteinander und voneinander. Lernen wird nicht nur als etwas gesehen, das jede:r für sich allein macht, sondern als ein gemeinsamer Prozess, der durch Austausch und Zusammenarbeit besonders gut gelingt.1,2
2. Es gibt viele Formen kooperativen Lernens
Kooperatives Lernen kann auf unterschiedliche Arten umgesetzt werden. Dazu gehören zum Beispiel problembasiertes Lernen, teambasiertes Lernen oder das sogenannte „Peer-Assisted Learning” – das Lernen mit Unterstützung durch andere Kinder und Jugendliche. Allen diesen Ansätzen ist gemeinsam, dass die Kinder und Jugendlichen zusammenarbeiten, Verantwortung übernehmen und sich gegenseitig helfen.3 Im Unterschied zum kollaborativen Lernen ist kooperatives Lernen meist stärker organisiert: Die Aufgaben sind klarer verteilt, jede Person hat eine bestimmte Rolle, und die MINT-Fachkraft gibt mehr Struktur und Anleitung vor.4,5
3. Kooperatives Lernen verbessert Leistung und Motivation
Kooperatives Lernen kann viele positive Effekte haben: die Teilnehmenden lernen den Stoff oft besser, sind motivierter und entwickeln eine positivere Haltung zum Lernen. Gleichzeitig stärkt es den Zusammenhalt in der Gruppe und verbessert soziale Fähigkeiten.6 Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass kooperatives Lernen dazu beitragen kann, dass Lernende länger in MINT-Fächern bleiben. Ein Beispiel aus dem Hochschulbereich zeigt das deutlich: In MINT-Einführungskursen, die normalerweise hohe Durchfall- und Abbruchquoten haben, wurde ein verpflichtendes Peer-Cooperative-Learning-Programm eingeführt. Das Ergebnis: Die Leistungen verbesserten sich deutlich, und mehr MINT-Studierende blieben langfristig in ihrem Studienfach.7
4. Erfolgreiche Kooperation braucht wechselseitige Verantwortung
Bloße Gruppenarbeit reicht nicht aus, damit kooperatives Lernen gelingt. Entscheidend sind fünf zentrale Elemente: positive gegenseitige Abhängigkeit, individuelle Verantwortlichkeit, unterstützende Interaktion, soziale Kompetenzen und gemeinsame Reflexion. Teilnehmende müssen also aufeinander angewiesen sein, gleichzeitig aber auch individuell Verantwortung übernehmen und einen erkennbaren Beitrag leisten. Durch gegenseitiges Erklären, Helfen und Ermutigen wird das gemeinsame Verständnis vertieft. Soziale Fähigkeiten wie Kommunikation, Zuhören und Konfliktlösung müssen dabei gezielt gefördert werden. Das gemeinsame Reflektieren am Ende hilft, die Zusammenarbeit kontinuierlich zu verbessern.1
Tipp: Führt vor Beginn der Gruppenarbeit klare Rollen ein und weist ihnen jeweils Aufgaben zu, z. B. Sprecher:in, Koordinator:in oder Materialchef:in. So wird sichergestellt, dass alle aktiv beteiligt sind und Verantwortung übernehmen.
5. Ein Konzept – viele Methoden für die Praxis
Für kooperatives Lernen wurden zahlreiche Methoden und Ansätze entwickelt, wie zum Beispiel die Strukturierte (oder Konstruktive) Kontroverse oder das Gruppenpuzzle.8 Sie unterscheiden sich unter anderem in Aufbau, Gruppengröße, fachlichem Einsatzbereich und Grad der Strukturierung.9 Je nach Ziel des MINT-Angebotes können unterschiedliche Methoden passend sein.
6. Das Gruppenpuzzle gehört zu den bekanntesten Methoden
Beim Gruppenpuzzle (auch Jigsaw-Methode genannt) wird eine größere Aufgabe in kleinere Puzzleteile zerlegt. Die Kinder und Jugendlichen bearbeiten zunächst in kleineren Gruppen ihr Teilthema und bringen ihr Wissen und ihre Ergebnisse anschließend in die größere Gruppe ein. Die Methode kann Motivation, Selbstwirksamkeit und langfristiges Erinnern fördern. Zwar sind die Befunde in MINT-Fächern gemischter als etwa in Sprach-, Literatur- oder Sozialwissenschaften.10 Es lohnt sich aber trotzdem, die Jigsaw-Methode auszuprobieren. Besonders vielversprechend ist sie, wenn MINT-Inhalte sinnvoll aufgeteilt werden können und gegenseitiges Erklären tatsächlich zum Verständnis beiträgt.11
Tipp: Nutzt die Jigsaw-Methode bei Themen, die sehr komplex sind und bei denen die Puzzleteile am Ende wirklich ineinandergreifen – zum Beispiel beim Aufbau komplexer Ökosysteme oder der Entstehung von Wetterphänomenen. So stellt ihr sicher, dass die Teilnehmenden Eures MINT-Angebotes nicht nur etwas über ihr eigenes Unterthema lernen, sondern auch den größeren Kontext verstehen.
7. Belohnungen helfen – unter bestimmten Bedingungen
Das Erreichen von Gruppenzielen und gemeinsame Belohnungen können das Lernen fördern – aber nur, wenn jedes Gruppenmitglied aktiv zum Erfolg beiträgt. Entscheidend ist, dass jede einzelne Person fachlich profitiert. Wenn dagegen nur die Gesamtleistung der Gruppe zählt, besteht die Gefahr, dass sich einige zurücklehnen, während andere die meiste Arbeit übernehmen. Damit kooperatives Lernen gut funktioniert, ist es deshalb wichtig, dass alle Verantwortung übernehmen.11,12
8. Erklären fördert das Verständnis
Besonders wirksam wird kooperatives Lernen in MINT, wenn die Teilnehmenden einander Inhalte erklären, Lösungswege vergleichen, Verfahren gemeinsam durchdenken und sich gegenseitig Rückmeldungen geben. Dabei profitieren vor allem diejenigen, die anderen etwas erklären – sie verstehen den Stoff oft selbst besser. Aber auch diejenigen, die Erklärungen bekommen, profitieren mehr, als wenn sie nur allein arbeiten.13,14 Auch Methoden wie das reziproke Lehren, bei dem Kinder und Jugendliche einander Fragen stellen und sich Inhalte gemeinsam erschließen, zeigen positive Effekte auf die Leistung.15,16,17
Tipp: Lasst Teilnehmende paarweise arbeiten. Beispiel Mathematik: Eine Person erklärt einen Rechenschritt, die andere darf Verständnisfragen stellen („Warum hast du hier dividiert?“ oder „Wie weißt du, dass diese Formel passt?“). Anschließend werden die Rollen getauscht. So werden Denkprozesse sichtbar und Verständnislücken schnell erkannt.
9. Kooperation braucht klare Vorbereitung und Übung
Im MINT-Kontext ist kooperatives Lernen kognitiv anspruchsvoll, da Lernende fachliche Inhalte verstehen und gleichzeitig kommunizieren, koordinieren und Ergebnisse zusammenführen müssen. Deshalb ist es wichtig, Kooperation vorab gut vorzubereiten und zu begleiten. Wenn kooperative Fähigkeiten wie Erklären, Zuhören, Strukturieren von Notizen und Rollenübernahme vorher geübt werden und klare Regeln gelten, kann das die Ergebnisse verbessern und die wahrgenommene Belastung reduzieren.10
10. Digitale Tools können Kooperation gezielt unterstützen
Neuere Studien zeigen, dass kooperatives Lernen im Mathematikunterricht der Grundschule besonders gut funktionieren kann, wenn digitale Werkzeuge eingesetzt werden. Dazu gehören zum Beispiel gemeinsame Online-Plattformen, digitale Whiteboards oder spielerische Lernformate. Das gilt natürlich auch für MINT-Angebote außerhalb der Schule. Die Tools erleichtern die Zusammenarbeit, ermöglichen direktes Feedback und können die Motivation der Jugendlichen steigern. Entscheidend ist jedoch, dass sie nicht isoliert eingesetzt werden, sondern in klar strukturierte kooperative Lernprozesse eingebettet sind.18
[1] Johnson, D. W., & T. Johnson, R. (2019). Cooperative Learning: The Foundation for Active Learning. In Active Learning – Beyond the Future. IntechOpen. https://doi.org/10.5772/intechopen.81086
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