MINT-Bildung im Ganztag: wie aus mehr Zeit gute Bildungszeit wird
Was es für gute schulisch-außerschulische Zusammenarbeit wirklich braucht – ein Gespräch mit Dr. Petra Arndt
Der Ausbau des Grundschulganztags eröffnet neue Chancen für die MINT-Bildung. Wie können Schulen und außerschulische MINT-Akteur:innen diese gemeinsam nutzen? Darüber haben wir mit Dr. Petra Arndt vom ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm gesprochen.
Schulisch-außerschulische Kooperationen stehen 2026 im Mittelpunkt der MINTvernetzt-Jahrestagung am 23. und 24. September in Hamburg. Die Keynote-Speaker:in ist Dr. Petra Arndt, wissenschaftliche Leiterin und Geschäftsführerin des ZNL. Im Forschungsprojekt MINTiG untersucht sie mit ihrem Team, wie außerschulische MINT-Angebote und der Grundschulganztag erfolgreich zusammenfinden können. Im Interview spricht sie über Chancen, Herausforderungen und darüber, was gute Zusammenarbeit braucht.
Forschungsprojekt MINTiG: MINT-Angebote im Grundschulganztag
MINTiG ist ein Forschungsprojekt des ZNL TransferZentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm. Das Projekt MINTiG wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Es untersucht, wie Ganztagsgrundschulen beziehungsweise Horte und außerschulische MINT-Akteur:innen gut zusammenarbeiten können. Der Ausbau des Grundschulganztags bietet neue Chancen, mehr Kinder frühzeitig und unabhängig von ihrer familiären Situation mit MINT zu erreichen.
Im Fokus steht, was Kooperationen fördert oder erschwert, welche Rahmenbedingungen wichtig sind und welche Ziele und Erwartungen die Beteiligten haben. Die Ergebnisse sollen praktische Impulse für erfolgreiche MINT-Kooperationen liefern.
MINTvernetzt: Mit dem Ausbau des Ganztags verbringen Grundschulkinder deutlich mehr Zeit in Schule und Ganztag. Warum ist das gerade für die MINT-Bildung eine Chance?
Dr. Petra Arndt: Kinder können MINT-Themen nicht nur punktuell erleben, sondern Fragen über längere Zeit verfolgen: etwas ausprobieren, verwerfen und noch einmal anders versuchen. Wir sollten den Ganztag aber nicht einfach als zusätzliche Zeit verstehen, die wir mit möglichst vielen Angeboten füllen. Entscheidend sind für mich zwei Fragen: Was brauchen Kinder, damit sie die Bildungsangebote des Ganztags gut für sich nutzen können? Und wie wird aus zusätzlicher Zeit wirklich gute Bildungszeit?
Eine weitere Chance liegt im Zugang. Außerschulische Angebote setzen häufig voraus, dass Familien davon wissen, ihr Kind anmelden und es dorthin bringen. Im Ganztag fallen einige dieser Hürden weg. So erreichen MINT-Angebote auch Kinder, die vielleicht nie ein Schülerlabor, einen Makerspace oder eine Forscher-AG besuchen würden.
MINTvernetzt: Bedeutet ein breiterer Zugang automatisch auch mehr Chancengerechtigkeit?
Dr. Petra Arndt: Nein, nicht automatisch. Der Ganztag kann viele Hürden abbauen. Aber nur weil alle teilnehmen können, fühlen sich noch lange nicht alle Kinder gleichermaßen angesprochen. Vorerfahrungen, Stereotype, Sprache oder das eigene Zutrauen in die Fähigkeiten spielen eine Rolle.
Eine Stärke außerschulischer Angebote ist, dass Kinder hier oft selbst ausprobieren und experimentieren können – ohne Noten und Leistungsdruck. Lehrkräfte berichten uns zum Beispiel von Kindern, die sich im Unterricht wenig beteiligen, in solchen Angeboten aber plötzlich eigene Ideen entwickeln und große Neugier zeigen. Solche Erfahrungen können sehr wertvoll sein.
Deshalb müssen wir nicht nur fragen: Wer kann teilnehmen? Sondern auch: Wie gestalten wir ein Angebot so, dass unterschiedliche Kinder gute Erfahrungen machen und ihre Stärken zeigen können?
MINTvernetzt: Trotz dieser Chancen sind regelmäßige Kooperationen im Grundschulganztag noch nicht selbstverständlich. Woran liegt das?
Dr. Petra Arndt: Das haben wir in unserer Expertise „MINT-Angebote im schulischen Ganztag – Schwerpunkt Grundschule“ aus dem Jahr 2024 untersucht. Nur etwa 12 % der Angebote für Grundschulkinder finden bereits regelmäßig und längerfristig in Kooperation mit Grundschulen oder dem Ganztag statt. Gleichzeitig könnten rund 60 % der MINT-Akteur:innen ihre Formate grundsätzlich auch im Grundschulganztag umsetzen – teilweise mit Anpassungen.
Das Potenzial ist also deutlich größer als die gelebte Praxis. Gründe dafür sind unter anderem Finanzierung und Personal. Manche Anbietende setzen zudem bewusst auf kürzere Projekte, um mehr Kinder zu erreichen. Dabei wissen wir, dass längerfristige Angebote wirksamer sein können. Hier braucht es gute Lösungen.
MINTvernetzt: Wie eng sollten Schule und außerschulische MINT-Akteur:innen zusammenarbeiten?
Dr. Petra Arndt: So eng, dass sie voneinander wissen – aber nicht so eng, dass am Ende alles gleich wird. Es braucht gute Absprachen: Was kennen die Kinder bereits? Was sollen sie im Angebot erleben? Wer übernimmt welche Rolle? Gleichzeitig müssen außerschulische Angebote ihre besonderen Stärken behalten. Wenn aus dem Schülerlabor am Ende nur „Sachunterricht in einem anderen Raum“ wird, geht etwas Wichtiges verloren.
Entscheidend ist auch gegenseitige Wertschätzung. Beide Seiten bringen eigene Perspektiven, Kompetenzen und pädagogische Ansätze mit. Gerade davon können Kinder profitieren.
MINTvernetzt: Mit MINTiG untersucht Ihr diese Kooperationen weiter. Was wollt Ihr noch herausfinden?
Dr. Petra Arndt: Bisher kennen wir vor allem die Perspektive der außerschulischen MINT-Anbietenden. Jetzt schauen wir stärker auf Schulen, Horte und die Akteur:innen im Ganztag: Was verstehen sie unter guter Kooperation? Wo sehen sie Hindernisse und welche Erwartungen haben sie?
Außerdem untersuchen wir die Ziele und Einstellungen der Beteiligten, die Rolle regionaler Netzwerke und qualitative Aspekte der Angebote. Letztlich geht es doch darum: Schule und außerschulische MINT-Akteur:innen wollen grundsätzlich zusammenarbeiten – aber haben sie auch die gleiche Vorstellung davon, wie gute Zusammenarbeit aussieht?
MINTvernetzt: Was können MINT-Akteur:innen und Schulen schon jetzt tun, bevor alle Forschungsfragen beantwortet sind?
Dr. Petra Arndt: Ich würde mit drei Dingen anfangen.
Erstens: Was soll für die Kinder entstehen? Geht es darum, Neugier zu wecken, Interesse zu fördern, Kompetenzerfahrungen zu ermöglichen oder fachlich etwas aufzubauen? Je klarer das Ziel ist, desto besser lässt sich ein passendes Angebot gestalten.
Zweitens: Was müssen wir voneinander wissen? Nicht nur: Wann findet die AG statt und wer öffnet den Raum? Sondern auch: Welche Kinder nehmen teil? Was zeichnet das Angebot aus? Welche Ziele sind beiden Seiten wichtig?
Drittens: Was macht die Zusammenarbeit verlässlich? Wer ist Ansprechpartner:in? Was passiert bei einem Personalwechsel? Welche Räume, Zeiten und finanziellen Ressourcen stehen zur Verfügung?
Fakt ist: Eine Blaupause für die ideale Kooperation gibt es nicht. Unterschiedliche Partner:innen brauchen unterschiedliche Lösungen. Am Ende geht es darum, gemeinsam gute Lerngelegenheiten in den Tag der Kinder zu bringen.
MINTvernetzt: Frau Dr. Petra Arndt, herzlichen Dank für das Gespräch und noch viel Erfolg mit Eurem Projekt MINTiG. Wir sind gespannt auf die weiteren Forschungsergebnisse.

Zur Person: Dr. Petra Arndt
Im MINT-Bereich untersucht sie mit ihrem Team, wie außerschulische MINT-Angebote und der Grundschulganztag zusammenfinden und welche Bedingungen langfristige und qualitativ gute Kooperationen unterstützen.
Ansprechpartnerin

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