Barrieren identifizieren und Zugänge schaffen
Lernreise Teilhabe, Station 3: Hindernisse abbauen und sozial benachteiligten Gruppen den Zugang zu Euren Bildungsangeboten erleichtern
Zunächst müssen die Barrieren ermittelt werden, die sozial benachteiligten Gruppen den Zugang zu Bildungsangeboten erschweren – um sie dann überwinden zu können. Ziel ist es, praxisnahe Lösungen zur Beseitigung dieser Hindernisse zu entwickeln. Dabei werden physische, sprachliche, kulturelle und finanzielle Hürden sowie soziale Hemmnisse berücksichtigt. Ein inklusiver Ansatz ist erforderlich, um sicherzustellen, dass alle potenziellen Teilnehmenden gleiche Bildungschancen erhalten.
Obwohl viele MINT-Programme theoretisch allen offenstehen, bleiben in der Praxis oft genau die Kinder und Jugendlichen außen vor, die gesellschaftlich marginalisiert werden: Schüler:innen aus sozio-ökonomisch weniger privilegierten Familien, mit Migrationshintergrund oder mit weiblichen und nicht-binären Geschlechtsidentitäten (Çolakoğlu et al., 2023; Dawson, 2017; Godec et al., 2022). Nur ein kleiner Teil der Mechanismen und Barrieren, die diesen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu MINT-Lernangeboten erschweren, sind auf den ersten Blick wirklich sichtbar und klar greifbar. Der größte Teil der Barrieren entsteht unbewusst und es braucht meist länger, um sie überhaupt greifbar zu machen. In der Forschung wurden diese verschiedenen Barrieren bereits untersucht. Häufige Barrieren lassen sich in grob zwei Hauptkategorien einteilen:
- Infrastrukturelle Barrieren: Physische Hindernisse wie lange Anfahrtswege oder hohe Kosten (Dawson, 2014; Humm et al., 2020).
- Emotionale Exklusionsfaktoren: Ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl, das durch stereotype Vorstellungen im MINT-Bereich und eine historisch gewachsene Kultur der Männlichkeit und der Elitismus-Orientierung im MINT-Bereich verstärkt wird, die nicht wertschätzend für diverse Individuen agiert (Cian & Dou, 2024; Dawson, 2014; Greenberg et al., 2020; Habig et al., 2021).
Fragt Euch:
- Ist das Angebot für sozioökonomisch benachteiligte Familien erschwinglich? Gibt es die Möglichkeit einer kostenlosen Teilnahme/eines Stipendiums?
- Ist mein Angebot flexibel, sodass es von Menschen in unterschiedlichen Lebensumständen wahrgenommen werden kann?
- Gehe ich auf sprachliche oder andere Barrieren ein?
- Schaffe ich es, Stereotype und Rollenbilder aufzubrechen (z. B. bei der Wahl der MINT-Lehrenden, aber auch bei der Gestaltung der Inhalte)?
- Fühlen sich Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen Herkünften in meinem Angebot repräsentiert?
- Ist mein Angebot so gestaltet, sodass sich alle Teilnehmenden respektiert und wertgeschätzt fühlen? Biete ich die Möglichkeit zu (anonymem) Feedback und wie gehe ich mit Kritik dazu um?
- Sind meine Kommunikationswege barrierefrei und von allen leicht zu verstehen?
- Erreicht mein Angebot die angestrebte Zielgruppe?
Zum Weiterlesen:
Wichtig ist, dass Familien überhaupt von den MINT-Bildungsangeboten erfahren. Am besten erreicht Ihr sie dort, wo sie bereits sind. Neben den Schulen (mehr dazu weiter unten) können das Sportvereine, Jugendclubs und Bibliotheken sein, aber auch Nachbarschaftszentren oder andere soziale Einrichtungen wie Mehrgenerations- oder Mütterzentren. Der Vorteil: Dort tätige Menschen haben oft schon Zugang zur Zielgruppe und genießen Ihr Vertrauen. Es lohnt sich daher, mit diesen Institutionen Beziehungen aufzubauen, das eigene MINT-Angebot vor Ort zu bewerben oder an dort bereits vorhandene Programme anzuknüpfen.
Zum Weiterlesen:
- MINTvernetzt/duvia: Jugendzentren, Sportvereine & Co – Tipps für Kooperationen mit außerschulischen Partnerorganisationen
- Nationales MINT Forum: MINT-Bildung neu entdecken
- Zukunft durch Innovation.NRW: Hingehen statt Ignorieren – wie bisher nicht erreichte Zielgruppen mit MINT-Angeboten erreicht werden können
„Wichtiger als Teilnahme-Zahlen ist es, neue Kinder für MINT-Themen zu begeistern – das erfordert Beziehungsarbeit und Ausdauer.“
Erkenntnisse:
- Arten von Barrieren: Barrieren können physischer, sprachlicher, kultureller oder finanzieller Natur sein. Jede dieser Barrieren erfordert spezifische Strategien zur Überwindung.
- Feedback von Teilnehmenden: Direktes Feedback von Teilnehmenden kann wertvolle Einblicke in bestehende Hindernisse und deren Auswirkungen geben.
- Zugänglichkeit prüfen: Regelmäßige Überprüfungen der Zugänglichkeit von Angeboten sind entscheidend.
Nächste Schritte:
- Barriereanalyse: Führt eine umfassende Analyse durch, um alle potenziellen Barrieren zu identifizieren.
- Inklusionsstrategien entwickeln: Entwickelt gezielte Strategien und Programme, um identifizierte Barrieren abzubauen und Zugänge zu schaffen.
- Kontinuierliche Evaluierung: Überprüft und evaluiert regelmäßig die Wirksamkeit Eurer Maßnahmen und passt diese bei Bedarf an.
Quellenangaben
Cian, H., & Dou, R. (2024). Masculinized discourses of STEM interest, performance, and competence that shape university STEM students’ recognition of a “ STEM person”. Journal of Research in Science Teaching, Article tea.21937. Advance online publication. https://doi.org/10.1002/tea.21937
Çolakoğlu, J., Steegh, A., & Parchmann, I. (2023). Reimagining informal STEM learning opportunities to foster STEM identity development in underserved learners. Frontiers in Education, 8, 273. https://doi.org/10.3389/feduc.2023.1082747
Dawson, E. (2014). “Not Designed for Us”: How Science Museums and Science Centers Socially Exclude Low-Income, Minority Ethnic Groups. Science Education, 98(6), 981–1008. https://doi.org/10.1002/sce.21133
Dawson, E. (2017). Social justice and out-of-school science learning: Exploring equity in science television, science clubs and maker spaces. Science Education, 101(4), 539–547. https://doi.org/10.1002/sce.21288
Godec, S., Archer, L., & Dawson, E. (2022). Interested but not being served: mapping young people’s participation in informal STEM education through an equity lens. Research Papers in Education, 37(2), 221–248. https://doi.org/10.1080/02671522.2020.1849365
Greenberg, D., Calabrese Barton, A., Tan, E., & Archer, L. (2020). Redefining entrepreneurialism in the maker movement: A critical youth approach. Journal of the Learning Sciences, 29(4-5), 471–510. https://doi.org/10.1080/10508406.2020.1749633
Habig, B., Gupta, P., & Adams, J. D. (2021). Disrupting deficit narratives in informal science education: applying community cultural wealth theory to youth learning and engagement. Cultural Studies of Science Education, 16(2), 509–548. https://doi.org/10.1007/s11422-020-10014-8
Humm, C., Schrögel, P., & Leßmöllmann, A. (2020). Feeling Left Out: Underserved Audiences in Science Communication. Media and Communication, 8(1), 164–176. https://doi.org/10.17645/mac.v8i1.2480
Ihr wollt keinen Beitrag mehr verpassen?
Dann meldet Euch jetzt für unseren Newsletter an.
