Selbstreflexion und Perspektivwechsel
Lernreise Teilhabe, Station 2: Unbewusste Vorurteile abbauen und ein tiefes Verständnis für die Zielgruppe entwickeln.
Hinterfragt Euch selbst: Was wisst Ihr über soziale Benachteiligung und welche Wissenslücken könnt Ihr schließen? Welchen Stellenwert hat Eure Rolle als MINT-Akteur:in und Euer Fachwissen für Eure Angebote und die teilnehmenden Jugendlichen? Und welche Rolle spielt Eure eigene soziale Herkunft in der Beziehungsarbeit mit den jungen Menschen?
Selbstreflexion und Perspektivwechsel sind entscheidend, um ein tiefes Verständnis für die Lebenswirklichkeiten der Zielgruppe zu entwickeln. Schnell umsetzbare Selbstreflexionsübungen helfen dabei, eigene Ansichten zu hinterfragen und Empathie zu fördern. Diese Übungen können individuell oder in kleinen Gruppen durchgeführt werden und beinhalten Aktivitäten wie Tagebuchführen, Feedbackrunden und interaktive Diskussionen, um sich besser in die Zielgruppe hineinversetzen zu können.
Download: Übung Selbstreflexion & Perspektivwechsel (erstellt in Kooperation mit duvia e.V.)
Um mehr Teilhabe zu ermöglichen und einen aktiven Wandel in der außerschulischen MINT-Lernlandschaft einzuleiten, ist es entscheidend, dass diejenigen, die MINT-Angebote gestalten, ihre eigenen Werte und Annahmen reflektieren. Um diese Menschen gezielt zu unterstützen, wurde am IPN Kiel (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik eine explorative Interviewstudie mit Mitarbeitenden aus der außerschulischen MINT-Lernwelt durchgeführt. Ziel war es, ein besseres Verständnis dafür zu gewinnen, welche Werte und Annahmen bei der Gestaltung und Durchführung von Angeboten im Mittelpunkt stehen. Erste Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass die Intentionen von Anbietenden in diesem Bereich grob in drei Ansätze unterteilt werden können: kindzentrierter Ansatz, MINT-zentrierter Ansatz und selbstzentrierter Ansatz.
Diese Ansätze können als Reflexionshilfe dienen: Sie laden dazu ein, sich die eigenen Werte und Ziele bewusst zu machen und zu hinterfragen, welche Annahmen und Prioritäten bei der Gestaltung von Angeboten eine Rolle spielen. Wer oder was steht im Fokus, wenn man Instruktionen gibt? Und wie lassen sich diese Perspektiven erweitern, um noch mehr Kinder und Jugendliche zu erreichen? Alle drei Ansätze bieten dabei verschiedene Potenziale und Barrieren für die praktische Arbeit.
- 1. Kindzentrierter Ansatz
Bei diesem Ansatz liegt der Fokus der Arbeit und der Angebotsgestaltung auf der Freude der Kinder und der Förderung ihrer Motivation und ihres Selbstkonzepts.
Potenziale:
- Angebote orientieren sich an den Bedürfnissen der Kinder.
- Vielfältige Perspektiven werden wertgeschätzt.
- Lernumgebungen fördern individuelle Stärken.
Barrieren:
- Anbietende müssen ggf. in Kauf nehmen, dass der Fokus weniger auf der reinen Wissensvermittlung liegt, die in bisherigen MINT-Angeboten oft im Fokus steht.
- Erfordert Flexibilität und Offenheit seitens der Anbietenden.
2. MINT-zentrierter Ansatz
Hier stehen MINT-Themen und klassische „MINT-Werte“ im Mittelpunkt, wobei das Ziel darin besteht, die Neugier und den Entdeckergeist der Kinder für MINT zu wecken.
Potenziale:
- Begeisterung für MINT-Themen wecken.
- Interesse bei Kindern mit bereits vorhandenem MINT-Bezug stärken.
Barrieren:
- Kinder ohne großes MINT-Interesse fühlen sich ausgeschlossen.
- Unkonventionelle Ideen laufen Gefahr, übersehen zu werden.
3. An eigener Begeisterung orientierter Ansatz
Im Zentrum dieses Ansatzes steht die persönliche Begeisterung der Anbietenden für MINT sowie ihre individuelle Motivation, diese in die Bildungsarbeit einzubringen. Ihr Engagement ist stark durch eigene Interessen geprägt und ermöglicht es ihnen, ihre Faszination für naturwissenschaftlich-technische Themen authentisch zu vermitteln. Getragen von guter Absicht verfolgen sie dabei das Bedürfnis, ihre Leidenschaft mit anderen zu teilen und durch die Arbeit mit Kindern auch für sich selbst eine Bestätigung zu erfahren.
Potenziale:
- Anbietende fungieren als inspirierende Vorbilder.
Barrieren:
- Weniger Offenheit für neue Ansätze und Ideen.
- Gefahr einer defizitorientierten Sichtweise auf Lernende.
Wichtig ist es zu verstehen, dass diese Werte und Annahmen sich die meiste Zeit unterbewusst entwickeln und die Arbeit in der Angebotsgestaltung und -durchführung oft unbewusst formen. Es zeigte sich auch, dass die meisten Befragten eine Mischung dieser Ansätze in sich trug und nicht immer einem klaren Typ zuzuordnen war. Dies zeigt aber umso mehr, wie wichtig es ist, seine eigenen Entscheidungen und Handlungen sowohl in der Gestaltung von Angeboten, als auch im Moment in der Durchführung kritisch zu reflektieren, um – sofern man das Ziel hat, diversitätsbewusst agieren zu wollen – dieses Ziel auch bewusst verfolgen zu können.
Dafür ist die Bereitschaft notwendig, die eigenen Annahmen, Ziele und die eigene Position in der Gesellschaft zu erkennen und bewusst zu hinterfragen: Fördert mein Ansatz wirklich alle Kinder? Oder bleiben manche unbemerkt auf der Strecke?
Ein erster Schritt zur kritisch-reflektierten Praxis ist die Bereitschaft, eigene Glaubenssätze zu reflektieren und Handlungen anzupassen, um bewusste Entscheidungen für mehr Diversität zu treffen. Praktisch bedeutet das:
Auf Augenhöhe agieren: Wertschätzende Begegnungen schaffen, die jedem Kind das Gefühl geben, dazuzugehören.
Gezielte Ansprache: Wie können wir Kinder aus unterrepräsentierten Gruppen besser erreichen?
Diversität als Stärke: Unkonventionelle Ideen und Perspektiven willkommen heißen.
Perspektivwechsel öffnen neue Wege: Sich zu fragen, woran ich als Jugendliche teilgenommen hätte, war spannend und hilfreich.
Erkenntnisse
- Selbstreflexion: Regelmäßige Selbstreflexion hilft, unbewusste Vorurteile und Biases zu erkennen und zu überwinden.
- Empathie entwickeln: Durch Perspektivwechsel und aktives Zuhören kann ein besseres Verständnis für die Lebenswirklichkeiten anderer entwickelt werden.
- Bias erkennen: Es ist wichtig, sich eigener Vorurteile bewusst zu werden und aktiv daran zu arbeiten, sie abzubauen.
Handlungsempfehlungen
- Reflexionsübungen: Implementiert regelmäßig Übungen zur Selbstreflexion im Team.
- Feedback-Kultur: Fördert eine offene Feedback-Kultur, in der Teammitglieder ihre Perspektiven und Erfahrungen teilen können.
- Workshops und Schulungen: Organisiert oder besucht Schulungen zu Themen wie Adultismus, Antidiskriminierung, Klassismus und Unconscious Bias, um das Bewusstsein und die Sensibilisierung im Team zu stärken
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