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Abbau von Geschlechterunterschieden in der MINT-Bildung

Praktische Tipps für mehr Chancengleichheit

14. November 2022 Lesedauer: ca. 7 min
Didaktik
Gender
Teilhabe
MINTvernetzt/Boris Loehrer

Zusammenfassung

Mädchen schneiden beim Lesen besser ab, Jungen im Rechnen: Immer wieder weisen Studien Geschlechterunterschiede im Bildungskontext nach. Doch woher stammen diese? Die Arbeitsgruppe Forschungssynthesen am ZIB, dem Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien, hat mittels einer Metaanalyse erforscht, welche Aspekte die Entwicklung von Geschlechterunterschieden beeinflussen. Aber auch, wie sich die Unterschiede wieder reduzieren lassen. Und hierfür bieten die Autor:innen der Metaanalyse allen Akteur:innen der Bildungspraxis konkrete Handlungsempfehlungen und Praxisbeispiele.
Originalartikel vom Originalartikel vom 27. April 2022
Absätze

Wenige Frauen in MINT-Berufen, ungenutztes Potential und Lohnungleichheit: All das können Folgen von verinnerlichten Geschlechterstereotypen sein. Doch die Forschung zeigt auch, dass sich Geschlechterunterschiede abbauen lassen. Die Arbeitsgruppe Forschungssynthesen am ZIB, dem Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien, hat mittels einer Metaanalyse erforscht, wie sich die Motivation und das Interesse von Kindern und Jugendlichen gezielt fördern lassen – und sich so Türen zu verschiedenen Berufswegen öffnen.

Er gilt als die höchste Auszeichnung für Wissenschaftler:innen: der Nobelpreis. Doch häufig strahlen nur männliche Preisträger bei der alljährlichen Verleihung. In den Jahren von 1901 bis 2022 gingen nur 6,4% aller Auszeichnungen an Frauen. Auffällig jedoch ist, dass sich die Geschlechterverteilung in den verschiedenen Forschungsgebieten unterscheidet. In der Physik gingen nicht einmal 2% der Auszeichnungen an Frauen. Im Bereich der Literatur gab es immerhin einen Frauenanteil von 14,3%.

Forschungsfeld: ungleiche Bildungschancen für Mädchen und Jungen

Die ungleiche Verteilung von Nobelpreisen ist nur ein Beispiel für ein Phänomen, das Wissenschaftler:innen aus verschiedensten Disziplinen seit Jahren erforschen: Geschlechterunterschiede im Bildungskontext. Dabei wird immer wieder deutlich, dass die Grundsteine für Ungleichheit in der Bildung bereits in der Kindheit gelegt werden. Aber auch, dass sie sich aufweichen lassen – je früher, desto effektiver. Zu diesen und weiteren Erkenntnissen kommen die Autor:innen in ihrer wissenschaftlichen Metaanalyse «Reducing gender differences in student motivational-affective factors: A meta-analysis of school-based interventions“ (2022).

Metaanalyse

Eine Metaanalyse fasst die Ergebnisse mehrerer Studien, die sich mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigen, mit Hilfe statistischer Methoden zusammen. So sollen aussagekräftigere Erkenntnisse gewonnen werden, als es mit Einzelstudien möglich ist.

Die Autor:innen berücksichtigten Studien, die im Schulkontext Ungleichheiten zwischen Jungen und Mädchen erforschen. Doch die Erkenntnisse lassen sich auch auf die außerschulische Bildung übertragen.

„Unsere Studie unterstreicht: Merkmale wie Motivation und Interesse lassen sich mit schulischen Interventionen fördern. Das kann ein Schritt sein, auch außerhalb der Schule Mädchen und Frauen mehr für MINT-Themen zu begeistern“, so Studienleiterin Prof. Dr. Doris Holzberger.

Die Forschung zeigt, dass Mädchen in den Naturwissenschaften schlechter abschneiden als Jungen, aber beim Lesen und Schreiben die Nase vorn haben. Bei Jungen scheinen die Stärken und Schwächen genau gegenteilig verteilt zu sein. Aber warum? Denn die kognitiven Fähigkeiten der Kinder sind gleich verteilt. Unter kognitiven Fähigkeiten versteht man – kurz gesagt – alle Denk- und Wahrnehmungsvorgänge.

Als wichtigen Faktor für die Geschlechterunterschiede in den verschiedenen Fächern identifizieren die Autor:innen die sogenannten motivational-affektiven Merkmale. Mit motivationalen Merkmalen sind etwa innerer (intrinsischer) oder von außen angeregter (extrinsischer) Antrieb gemeint. Auch das Interesse an einer Sache oder einem Thema zählt zu diesen Merkmalen sowie das Selbstschema, also das Wissen einer Person über das eigene Selbst und somit über die eigene Art und Weise, Ereignisse wahrzunehmen. Unter affektiven Merkmalen versteht man vor allem emotionale Zustände.

Merkmale: was die Entwicklung von Geschlechterunterschieden beeinflusst

Die motivational-affektiven Merkmale eines Menschen können von erlernten Geschlechterrollen beeinflusst sein. Ein Beispiel: Wenn ein Mädchen Mathematik als „Jungenfach“ wahrnimmt, kann es sein, dass es sich für mathematisch unbegabter hält oder das Fach als unwichtiger einstuft. Entsprechend zeigt es vielleicht weniger Interesse, schneidet schlechter ab und ist frustriert – was die Abneigung gegen das Fach verstärkt. Diese Erfahrung kann Folgen weit über die Schulzeit hinaus haben und später zum Beispiel die Entscheidung beeinflussen, ob eine Frau einen MINT-Beruf ergreift.

Handlungsempfehlung: Interventionen, die Geschlechterunterschiede abbauen können

Für die Bildungspraxis sind die Fragen relevant, wie Geschlechterunterschiede gar nicht erst entstehen oder sich wieder reduzieren lassen. Und auch hierzu bieten die Autor:innen der Metaanalyse Antworten. Sie unterscheiden verschiedene Kategorien der schulischen Interventionen, an denen sich auch Bildungsanbieter:innen außerhalb von Schulen orientieren können. Es gibt zum einen die direkten beziehungsweise indirekten Maßnahmen, zum anderen Handlungsempfehlungen mit oder ohne geschlechtsspezifische Ausrichtung.

So können Interventionen beispielsweise angewandt werden:

Praxisbeispiel 1: direkte, geschlechtsspezifische Intervention

Für die Bildungspraxis sind die Fragen relevant, wie Geschlechterunterschiede gar nicht erst entstehen oder sich wieder reduzieren lassen. Und auch hierzu bieten die Autor:innen der Metaanalyse Antworten. Sie unterscheiden verschiedene Kategorien der schulischen Interventionen, an denen sich auch Bildungsanbieter:innen außerhalb von Schulen orientieren können. Es gibt zum einen die direkten beziehungsweise indirekten Maßnahmen, zum anderen Handlungsempfehlungen mit oder ohne geschlechtsspezifische Ausrichtung.

Praxisbeispiel 2: direkte, nicht geschlechtsspezifische Intervention

Eine direkte Intervention, allerdings ohne geschlechtsspezifische Ausrichtung, wäre der Einsatz eines Lerntagebuchs. Dabei notieren Kinder regelmäßig, wofür sie das eben Gelernte wohl im späteren Leben brauchen. Gibt es zum Beispiel Probleme oder Berufe, in denen die neuen Fähigkeiten von Nutzen sind? Durch die Reflexion können sich spannende, neue Anwendungsfelder eröffnen. Außerdem schätzen die Kinder die Bedeutung ihres eigenen Wissens höher ein.

Praxisbeispiel 3: indirekte, geschlechtsspezifische Intervention

Indirekte Interventionen sind nicht explizit darauf ausgerichtet, motivational-affektive Merkmale zu fördern, haben aber dennoch positive Auswirkungen auf sie. Ein Beispiel ist das kooperative Lernen in Gruppen. Wenn Schüler:innen etwa Matheaufgaben gemeinsam statt einzeln lösen, kann das Ängste vor dem Fach Mathematik reduzieren. In stereotyp männlichen oder weiblichen Fächern lässt sich so das jeweils benachteiligte Geschlecht besonders fördern.

Praxisbeispiel 4: indirekte, nicht geschlechtsspezifische Intervention

Indirekte Interventionen ohne geschlechtsspezifische Ausrichtung sind zum Beispiel das problembasierte Lernen, also das Lernen mit Aufgaben, die sich mit der Lösung eines alltagspraktischen Problems beschäftigen. Alle Schüler:innen nehmen so beim Lernen eine aktivere Rolle ein und es zeigt sich eine gesteigerte Motivation.

Weitere Beispiele und Praxistipps, wie sich Geschlechterunterschiede abbauen lassen, lest Ihr hier.

Ergebnisse: wann und wie stark die Interventionen wirken

Die Autor:innen der Metaanalyse erforschten auch, wie stark die Wirkung der jeweiligen Maßnahmen ist. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle Interventionen, egal welcher Kategorie, eine positive Wirkung auf alle Kinder und Jugendlichen hatten und sich mit der Förderung Geschlechterunterschiede in der Bildung reduzieren lassen. Besonders erwähnenswert ist, dass Interventionen, die gezielt das stereotyp benachteiligte Geschlecht ansprechen, einen größeren Effekt für ebendieses Geschlecht haben als unspezifische Maßnahmen. Detaillierte Informationen zur Wirkung schulischer Interventionen findet Ihr im praxisorientierten Themenheft (ab Seite 20).

Eine weitere Erkenntnis, die die Autor:innen extrahieren konnten, ist, dass Maßnahmen im Grundschulalter effektiver sind als zu einem späteren Zeitpunkt. Auch dieses Wissen kann für Bildungsanbieter:innen außerhalb von Schulen wichtig sein: Die motivational-affektiven Merkmale eines Menschen bleiben während seiner gesamten Lebenszeit formbar. Doch in jungen Jahren haben Interventionen stärkeren Einfluss.

Chancengleichheit: MINT-Entscheidungen im Bildungsbereich verändern

Die Metaanalyse zeigt eindrücklich, dass es sich gerade im Bereich der Bildung lohnt, die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im Blick zu behalten. Besonders Praktiker:innen in der MINT-Bildung sollten ihre eigenen Rollenbilder immer wieder hinterfragen und ihr Angebot und ihre Kommunikation daraufhin überprüfen.

Langfristig könnten sich so die Türen zu verschiedenen Berufswegen öffnen und MINT-Entscheidungen verändern. Und vielleicht strahlen in Zukunft ähnlich viele Preisträger wie Preisträgerinnen bei der Vergabe des Nobelpreises – und das in allen Fachrichtungen.

Lesperance, K., Hofer, S., Retelsdorf, J., & Holzberger, D. (2022). Reducing gender differences in student motivational-affective factors: A meta-analysis of school-based interventions. British Journal of Educational Psychology, 1–35.
https://doi.org/10.1111/bjep.12512
Lesperance, K., Munk, S., Holzmeier, Y., Braun, M., & Holzberger, D. (2022). Geschlechterunterschiede im Bildungskontext. Von wissenschaftlichen Studien zu Impulsen für die Unterrichtspraxis.
https://doi.org/10.31244/9783830995340

Ansprechpartnerinnen

Dr. Michael Heilemann

MINT & Gender

Susanne Schober

MINT & Gender

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