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Ich bin MINT!

Alles eine Frage der Identität?

17. Februar 2023 Lesedauer: ca. 4 min
Diversität
Gender
iStock/metamorworks

Nachdem wir im letzten Blogbeitrag zum Thema „Mädchen und Frauen in MINT“ einen Blick auf die Themen für das Jahr 2023 geworfen haben, geht es im achten Beitrag unserer Reihe um „MINT-Identität“. Mit welchen Bereichen wir uns identifizieren können, beeinflusst maßgeblich, für welches Berufsfeld wir uns entscheiden. Zu wissen, welche Faktoren die Identifikation mit dem MINT-Bereich beeinflussen, hilft MINT-Akteur:innen dabei, Kinder und Jugendliche nachhaltig für eine entsprechende berufliche Laufbahn zu begeistern.

Wer wird sich Eurer Meinung nach eher für einen MINT-Kurs, ein MINT-Studium oder einen MINT-Beruf entscheiden? Jugendliche, die sich eher nicht als MINT-Menschen beschreiben würden, oder Jugendliche, die sich selbst als MINT-Menschen sehen?

Diese Frage mag auf den ersten Blick trivial erscheinen. Doch eine Forschungsstudie1 mit mehr als 15.000 Studierenden hat gezeigt, dass für jeden Punkt mehr auf der verwendeten sechsstufigen Skala zur Messung der Ausprägung von MINT-Identität die Wahrscheinlichkeit um 85 % stieg, dass sich die Teilnehmenden für einen Karriereweg in MINT entschieden. Der Grad der sogenannten MINT-Identität hat also eine außerordentliche Bedeutung, wenn es darum geht, sich für oder gegen den MINT-Bereich zu entscheiden. Aber was heißt das eigentlich – eine MINT-Identität entwickeln? Welche Aspekte spielen dabei eine Rolle und welche Hindernisse können im Weg stehen?

Wie entsteht eine MINT-Identität?

Die Identität einer Person setzt sich aus vielen unterschiedlichen Selbstbildern zusammen. Diese Selbstbilder entstehen aus der Teilnahme an bestimmten Aktivitäten oder daraus, welchen Gruppen, Rollen und Gemeinschaften man sich zuordnet.2 Die einzelnen Identitäten werden in unseren sozialen Interaktionen immer wieder neu ausgehandelt und befinden sich dadurch in ständigem Wandel. Sie hängen von den Ressourcen ab, zu denen man Zugang hat, von den sozialen und kulturellen Kontexten, in denen man sich bewegt, sowie von den Erwartungen und Vorstellungen anderer.3

Vor allem die Anerkennung durch andere Personen wird als besonders wichtig für die Entwicklung einer MINT-Identität angesehen – zum Beispiel durch MINT-Lehrkräfte. Es kommt also nicht nur darauf an, ob ich kompetent in MINT bin und mich selbst als MINT-Person einschätze, sondern insbesondere auch darauf, dass mich andere so wahrnehmen.4

Was kann die Entwicklung einer MINT-Identität erschweren?

Identitäten sind äußerst komplexe Konstrukte, die uns helfen, unsere Erfahrungen aus unterschiedlichen Kontexten miteinander in Verbindung zu bringen. Neue Identitäten müssen im Hinblick auf bereits bestehende Identitäten ausgehandelt werden. Das kann zu Konflikten führen, wenn sie teilweise im Widerspruch zueinander stehen.5 Bei der Entwicklung einer MINT-Identität – und der positiven Beantwortung der Frage „Bin ich ein MINT-Mensch?“ – können soziale Kategorien wie ethnischer Hintergrund, sozioökonomischer Status, Alter, Kultur, Nationalität oder Geschlecht zum Hindernis werden.5

Beispielsweise entscheiden sich Frauen seltener für ein MINT-Studium oder einen MINT-Beruf. Stereotype Vorstellungen wie zum Beispiel, dass diese Fächer eher etwas für Jungen und Männer seien, erschweren es Mädchen und Frauen, sich mit dem Bereich verbunden zu fühlen und MINT als Teil ihrer Identität zu sehen. Deshalb ist es wichtig, dass Mädchen und Frauen mehr und besser auf sie zugeschnittene Möglichkeiten für die Bildung und Entwicklung ihrer MINT-Identität erhalten. Denn die Forschung zu diesem Thema zeigt: In jungen Jahren ist es besonders für Mädchen wichtig, eine starke naturwissenschaftliche Identität zu entwickeln, wenn es darum geht, ob sie in Zukunft eine MINT-Karriere verfolgen werden.2

Hier findet Ihr die oben genannte Literatur:

1 Dou, R., Hazari, Z., Dabney, K., Sonnert, G., & Sadler, P. (2019). Early informal STEM experiences and STEM identity: The importance of talking science. Science Education, 103(3), 623–637. https://doi.org/10.1002/sce.21499.

2 Vincent-Ruz, P., & Schunn, C. D. (2018). The nature of science identity and its role as the driver of student choices. International Journal of STEM Education, 5(1), 48. https://doi.org/10.1186/s40594-018-0140-5.

3 Calabrese Barton, A., Kang, H., Tan, E., O’Neill, T. B., Bautista‐Guerra, J., & Brecklin, C. (2013). Crafting a future in science: Tracing middle school girls’ identity work over time and space. American Educational Research Journal, 50(1), 37–75. https://doi.org/10.3102/0002831212458142.

4 Carlone, H. B., & Johnson, A. (2007). Understanding the science experiences of successful women of color: Science identity as an analytic lens. Journal of Research in Science Teaching, 44(8), 1187–1218. https://doi.org/10.1002/tea.20237.

5 Avraamidou, L. (2019). “I am a young immigrant woman doing physics and on top of that I am Muslim”: Identities, intersections, and negotiations. Journal of Research in Science Teaching, 57(3), 311–341. https://doi.org/10.1002/tea.21593.

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