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Stereotype überwinden

So sprecht Ihr auch Mädchen und Frauen mit mehreren Diversitätsmerkmalen an

04. Mai 2023 Lesedauer: ca. 6 min
Diversität
Gender
Pexels/Christina Morillo

Geschlechtsspezifische Stereotype spielen in der MINT-Bildung eine große Rolle. Kommen weitere Diversitätsmerkmale hinzu wie beispielsweise soziale und ethnische Herkunft, machen Mädchen und junge Frauen häufig zusätzliche Diskriminierungserfahrungen. Wir geben Euch Tipps an die Hand, wie Ihr in Euren MINT-Angeboten auf Intersektionalität eingeht und damit eine breitere Zielgruppe ansprecht und fördert.

Stereotype Vorstellungen wie beispielsweise, dass MINT eher etwas für Jungen und Männer sei, erschweren es Mädchen und Frauen, sich mit dem MINT-Bereich verbunden zu fühlen und MINT als Teil ihrer Identität wahrzunehmen. Speziell auf diese Zielgruppe zugeschnittene Lernangebote sind ein wichtiger Baustein für die Bildung und Entwicklung ihrer MINT-Identität. Doch nicht nur geschlechtsbezogene Stereotype und Vorurteile spielen eine Rolle für die Ungleichheiten in MINT, sondern auch weitere Diversitätsmerkmale wie soziale und ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung, körperliche Fähigkeiten und andere individuelle Merkmale. Sie sind zusätzliche Hindernisse – zu den ohnehin bestehenden –, die Mädchen und Frauen den Zugang zu MINT-Bildung und -Berufen erschweren.

Deshalb gehen wir in diesem Beitrag auf die Frage ein: Wie können wir MINT-Bildungsangebote so gestalten, dass sie neben dem Geschlecht auch weitere Diversitätsmerkmale im Blick behalten und die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Mädchen und Frauen berücksichtigen?1 Wir erklären zunächst, was der Begriff Intersektionalität in diesem Zusammenhang bedeutet und warum er für den Bereich Mädchen und Frauen in MINT von Belang ist. Anschließend stellen wir Euch Reflexionsfragen zur Verfügung, mit deren Hilfe Ihr Schlüsse für die Gestaltung und Umsetzung Eurer MINT-Bildungsangebote ziehen könnt.

Was ist Intersektionalität?

Intersektionalität bezieht sich auf das Zusammenspiel verschiedener sozialer Kategorien und Diversitätsmerkmale.2 Es geht darum, dass Menschen aufgrund mehrerer Eigenschaften und Identitäten, die sie in sich vereinen, benachteiligt werden können.3 Beispielsweise kann eine Person diskriminiert werden aufgrund ihres Alters, ihrer Geschlechtsidentität, ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Religion und Weltanschauung, ihrer sozialen Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung und ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten.4 Intersektionalität betont dabei, dass es notwendig ist, über einzelne Kategorien hinauszudenken und die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Kategorien zu berücksichtigen. Denn die Gleichzeitigkeit verschiedener Formen von Diskriminierung summiert sich nicht einfach auf, sondern führt zu jeweils eigenständigen Diskriminierungserfahrungen.3

Intersektionale Bildungsangebote für Mädchen und Frauen in MINT

Im Bereich Mädchen und Frauen in MINT ist Intersektionalität von Bedeutung, weil sie zusätzliche Hindernisse für Bildungs- und MINT-Karrieremöglichkeiten darstellen kann.5 So gibt es beispielsweise Hinweise in der Forschung, dass insbesondere Mädchen aus wirtschaftlich benachteiligten Familien eine Karriere in der Wissenschaft oder einem MINT-Beruf gar nicht als Option in Betracht ziehen.6 Es zeigt sich auch, dass Schwarze Frauen in diesen Berufsfeldern aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer ethnischen und geschlechtsspezifischen Minderheit eine Isolation von Gleichaltrigen und mangelnde Unterstützung durch Lehrkräfte erleben.7

Um Mädchen und Frauen mit weiteren Diversitätsmerkmalen dabei zu unterstützen, eine MINT-Identität und ein Zugehörigkeitsgefühl zum MINT-Bereich zu entwickeln, ist es wichtig, Bildungsangebote für Mädchen und Frauen intersektional zu konzipieren. Allerdings werden diese Ansätze häufig als kompliziert eingeschätzt und finden deshalb nur selten eine praktische Umsetzung.1 Daher ist es in der Praxis hilfreich, nicht alle Ungleichheitsdimensionen auf einmal in den Blick zu nehmen, sondern sich Schritt für Schritt einem intersektional ausgerichteten Bildungsangebot zu nähern.1 Zwei Beispiele für MINT-Bildungsangebote, die sich vor allem auf ein Diversitätsmerkmal fokussieren, sind Black Girls CODE, die Schwarze Mädchen in den Bereichen Informatik und Technik unterstützen, und Women Who Inspire, ein Netzwerk für muslimische Frauen in MINT-Berufen.

Folgende Reflexionsfragen sollen Euch dabei helfen, die eigenen MINT-Bildungsangebote zu hinterfragen und weiterzuentwickeln (vgl. hierzu auch die „Handreichung für eine intersektionale Ausrichtung geschlechtergerechter Angebote in MINT“ der OTH Regensburg).

  • Welche Diversitätsmerkmale von Mädchen und Frauen berücksichtigen wir in unseren MINT-Bildungsangeboten?
  • Welche Mädchen und Frauen erreichen wir mit unseren MINT-Bildungsangeboten schon? Welche Kooperationspartner:innen können wir einbeziehen, um zusätzliche Zielgruppen anzusprechen?8
  • Berücksichtigen unsere didaktischen Konzepte und Strategien verschiedene Lernstile, Eigenschaften und Hintergründe, um allen Teilnehmerinnen eine optimale MINT-Lernerfahrung zu ermöglichen?
  • Repräsentieren unsere Lehrenden, Vorbilder und Rollenmodelle die vielfältigen Lebensrealitäten, Identitäten und Perspektiven von Mädchen und Frauen?
  • Wie können wir unsere MINT-Bildungsangebote kontinuierlich evaluieren und weiterentwickeln, um die Bedarfe, Merkmale und Hintergründe aller Teilnehmerinnen zu berücksichtigen?

Wenn Ihr weiter zum Thema „Gender und Diversität in MINT“ reflektieren und Euch austauschen und vernetzen möchtet, bietet Euch das kommende MINTcafé Gender am 25. Mai 2023 die ideale Gelegenheit dazu! Hier auf unserer Community-Plattform könnt Ihr Euch bereits zum Café anmelden. Weitere Termine findet Ihr auf unserer Homepage oder in unserem Newsletter. Wir freuen uns auf Euch!

1 Reber, A. (2022). Frauen und MINT – Handreichung für eine intersektionale Ausrichtung geschlechtergerechter Angebote in MINT. https://sozial-gesundheitswissenschaften.oth-regensburg.de/fileadmin/Bereiche/Fakultaet_S/Bilder_Forschung/Mint_Strategien4.0/MINT-Handreichung_Intersektionalitaet_OTHR_2022.pdf
2 Ireland, D. T., Freeman, K. E., Winston-Proctor, C. E., DeLaine, K. D., McDonald Lowe, S., & Woodson, K. M. (2018). (Un)hidden figures: A synthesis of research examining the intersectional experiences of black women and girls in STEM education. Review of Research in Education, 42(1), 226–254. https://doi.org/10.3102/0091732X18759072.
3 Crenshaw, K. (1989). Demarginalizing the intersection of race and sex: A black feminist critique of antidiscrimination doctrine, feminist theory and antiracist politics. University of Chicago Legal Forum, 1989(1), 139–167. https://chicagounbound.uchicago.edu/uclf/vol1989/iss1/8.
4 Charta der Vielfalt (2023). Die Diversity-Dimensionen. https://www.charta-der-vielfalt.de/fuer-arbeitgebende/vielfaltsdimensionen/.
5 Avraamidou, L. (2019). “I am a young immigrant woman doing physics and on top of that I am Muslim”: Identities, intersections, and negotiations. Journal of Research in Science Teaching, 57(3), 311–341.
https://doi.org/10.1002/tea.21593.
6 Archer, L., DeWitt, J., & Wong, B. (2014). Spheres of influence: What shapes young people’s aspirations at age 12/13 and what are the implications for education policy? Journal of Education Policy, 29(1), 58–85.
https://doi.org/10.1080/02680939.2013.790079.
7 Johnson, D. R. (2011). Women of color in science, technology, engineering, and mathematics (STEM). New Directions for Institutional Research, 2011(152), 75–85.
https://doi.org/10.1002/ir.410.
8 zdi-Fachtag – Mädchen mögen MINT 2021. Dokumentation & Ergebnisse der Workshops.
https://zdi-portal.de/wp-content/uploads/2022/04/2021-12-02_zdi-Fachtag_Dokumentation_fin.pdf.

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